Ist Gott gewalttätig?

Gewalt-Texte in der Bibel und was sie uns über Gott sagen

In vielen alttestamentlichen Texten wird Gott ganz in die Nähe von Gewalt gerückt. Heisst das, dass Gott gewalttätig ist? Sechs Thesen dazu aus der Feder des Theologen Matthias Wenk.

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Matthias Wenk

      Gott mitten in der Welt

      • Das Alte Testament berichtet von einer Zeit, in der Gewalt omnipräsent war. Weil die Bibel ein durch und durch realistisches Buch ist, kommt auch die Gewalt darin zur Sprache. Wenn es von dieser erzählt, heisst das aber noch lange nicht, dass es sie gutheisst. Dass die Bibel Gott bedenklich nahe an die Gewaltanwendung rückt, ist der Preis dafür, dass Gott sein Dasein nicht fernab von den menschlichen Auseinandersetzungen fristet, sondern mitten in unserer Welt vorzufinden ist.
        • Der Gott Israels ist – im grossen Unterschied zu vielen anderen Völkern der damaligen Zeit – nicht einfach Israels «Kriegsgott», sondern kann sich durchaus auch gegen sein eigenes Volk stellen, wenn dieses ihm ungehorsam wird.

        Schwerter zu Pflugscharen

            • Der grundsätzliche Vorbehalt gegenüber Gewalt wird gerade beim absoluten Liebling des Alten Testaments, König David, sichtbar: Weil seine Herrschaft zu sehr mit Gewalt verknüpft war, wollte Gott von ihm keinen Tempel gebaut haben (1. Chronik, Kapitel 22, Vers 8). Wo Macht, Gewalt und Religion zu sehr miteinander verwoben sind, geht Gott auf Distanz.

            Jesus sagt aller Gewalt ab

              • Mit Jesus kam dann die totale Absage an jegliche Form von Gewalt – und mit ihm kam auch jegliche Absage an irgendeine Form von religiösem Nationalismus. Die beiden Themen gehen bei ihm Hand in Hand.
                • Wenn Menschen, die durch Gewalt bedroht werden, darüber reden und schreiben, ist das etwas anderes als wenn Menschen es tun, die mittels Gewalt ihre Macht durchsetzen. Die biblischen «Gewalt-Texte» sind tabu für Menschen in Machtposition – sie sind höchstens Trost für Leute, die unter der Gewalt der Mächtigen leiden. 

                Trauern um die Ägypter

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                Matthias Wenk
                Bei den Texten, in denen Gott Gewalt verordnet, hilft mir der Talmud – die jüdische Bibelauslegung. Dort wird beispielsweise nacherzählt, wie Gott Israel durch das Rote Meer führte, während die Ägypter darin umkamen. Auf der anderen Seite des Wassers angekommen, jubelten die Israeliten und feierten ihre Bewahrung. Im Talmud heisst es nun, dass auch die Engel mit den Israeliten mitfeiern wollten. Doch Gott verbot es ihnen: «Die Israeliten dürfen jubeln, denn sie wurden von den ägyptischen Truppen bedroht und errettet. Ihr jedoch dürft nicht jubeln über den Tod der Ägypter, denn ihr wart nicht bedroht. Ihr müsst mit mir trauern, denn auch die Ägypter waren meine Kinder.»

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                Datum: 26.03.2017
                Autor: Fritz Imhof
                Quelle: Livenet/ bplus online 2/17

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