Der Begriff "Fundamentalismus"

Sind evangelikale Christen Fundamentalisten?

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Der Begriff «Fundamentalismus» fällt in den Medien häufig - aber nicht nur in Zusammenhang mit islamischen Terroristen, sondern auch mit evangelikalen Christen. «Für viele ist es schon Fundamentalismus, wenn man die Bibel für richtig hält», beobachtet der deutsche Religionssoziologe Thomas Schirrmacher, Autor eines Buches über Fundamentalismus.


Die meisten Menschen haben eine Art Wahrheitsanspruch in ihrer Sichtweise - auch wenn das nicht immer offen ausgesprochen wird. Für Schirrmacher ist der Wahrheitsanspruch an sich noch kein Fundamentalismus. Erst wenn die «absolute Wahrheit» mit einem undemokratischen Herrschaftsanspruch verbunden wird, der Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele als legitim erachtet, trifft die Begriffswahl Fundamentalismus zu.

Minderheiten prägen dieses Schlagwort

Einen militanten Wahrheitsanspruch gibt es in den meisten Religionen und Weltanschauungen; Beispiele sind gewaltbereite Hindus in Indien, muslimische Selbstmordattentäter in Pakistan und viele andere. Diese Gruppierungen machen jedoch innerhalb ihrer Religionsgruppe jeweils eine verschwindend kleine Minderheit aus. Für diese Bewegungen trifft das Schlagwort «Fundamentalismus» zu.

Begriff schürt Angst

Mit Fundamentalismus verbinden die meisten Menschen blutige Anschläge und Bekenntniszwang. Daher schürt der Begriff Angst. Problematisch wird es, wenn der Fachbegriff zu Unrecht als Polemik gegen Andersdenkende eingesetzt wird. Dann wird die Bezeichnung «Fundamentalist» zu einem Schimpfwort, das oft genau von denen gebraucht wird, die selber schwarz-weiss denken und kaum mit der Gruppe befasst haben, die sie als Fundamentalisten abstempeln.

Evangelikale sind keine Fundamentalisten

Es gibt verschiedene Merkmale, weshalb Evangelikale nicht dem Lager der Fundamentalisten zugerechnet werden dürfen. Zunächst handele es sich bei den Evangelikalen um circa 500 Millionen Menschen. Unvorstellbar, wenn dieser Anteil der Weltbevölkerung gewaltbereit wäre.

Ausserdem sind Evangelikale laut Schirrmacher keineswegs beseelt von dem Wunsch nach einem christlichen Gottesstaat. Wo die Kindstaufe vermieden wird, um den Menschen eine freie Entscheidung zu ermöglichen, ist das Vorschreiben der eigenen Weltanschauung für andere undenkbar.

Die demokratische Grundhaltung evangelikaler Kirchen widerspricht den Grundsätzen des Fundamentalismus ebenfalls: Pastoren werden gewählt und können auch entlassen werden.

Zwar ist die Bibel für Evangelikale der höchste Massstab. Das protestantische Selbstverständnis betont jedoch das Selbststudium der Bibel und warnt davor, vorgefertigte Meinungen zu übernehmen.

Anmerkung der Redaktion: Der Begriff «Evangelikale» ist eine Übersetzung des englischen Worts «evangelical», das im angelsächsischen Sprachraum bibel- und missionsorientierte, bekennend evangelische Christen bezeichnet. Die Tatsache, dass er in deutschsprachigen Medien regelmässig abwertend und ausgrenzend gebraucht wird, hat in der Schweiz dazu geführt, dass andere Begriffe zur Selbstbezeichnung bevorzugt werden.

Autor: Wolfang Baake
Quelle: SPRING, Bearbeitung Livenet

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