Meister, wir wissen ...

Der Ratgeber, der Rat sucht

Die Bibel berichtet über einen spannenden Vorfall. Heimlich, bei Nacht, meldet sich ein führender Theologe seiner Zeit bei Jesus. Er will wissen, wie Israel in Zukunft mit Gott rechnen soll.

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Nikodemus bei Jesus. Gemälde von Crijn Henddricksz
Nikodemus kommt bei Nacht zu Jesus. Einer der Bedeutenden: Einer vom Hohen Rat, Pharisäer und Mitglied der Sanhedrin, Organ der jüdischen Selbstverwaltung unter römischer Oberhoheit. Er hat Zeichen gesehen, die nach Deutung verlangen:
 
Der Pharisäer liest die Schriften und beobachtet die Zeiten mit dem einen Interesse: Wie und unter welchen Bedingungen richtet Gott seine Herrschaft in Israel wieder auf? Was muss der Beitrag der Glaubenden in Israel dazu sein? Zum Täufer hatte der Sanhedrin noch Boten geschickt, um festzustellen, ob er was zu tun hatte mit dem Kommen des Messias, der das Reich wieder aufrichten würde. Zu Jesus kommt nun einer vom Hohen Rat selber.

Das Nachtgespräch

Bei Nacht kommt er. Die Zeit, in der jene umhergehen, in denen kein Licht ist. Auch wenn Nikodemus einer sein sollte, der stolpernd in der Nacht umhergeht, so kommt er doch zu Jesus, dem Licht. Er beobachtet nicht nur aus der Distanz, wie sich die Lage entwickelt.
 
Nikodemus eröffnet das Gespräch mit der Feststellung: «Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.» Er legt sich soweit fest, wie er sich noch auf der sicheren Seite wähnt.

Wir wissen – und wissen es doch nicht

Er versucht, aus dem Gesehenen feste Schlüsse zu ziehen: «Es ist nicht zu übersehen, dass in deinem Handeln Gott am Werk ist. Was du sagst, ist gedeckt von den Zeichen, die du tust.»
Unausgesprochen bleibt, was «wir» nicht wissen: «Wie stehst du zum Kommen des Reiches? Gehörst du als Lehrer Israels zu uns? Bist du dir auch klar, welche Erwartungen deine Zeichen wecken, welchen Sturm du mit deinem Auftritt herauf beschwören könntest?»

Die rätselhafte Antwort

Jesu' Antwort setzt diese Fragen voraus. Aber er antwortet nicht direkt auf sie. Er fordert Nikodemus heraus, indem er von einer andern Seite her ins Gespräch einsteigt: «Amen, Amen, ich sage dir: Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.» Jesus brüskiert ihn: Es reicht nicht, wenn du die Schriften, die Vergangenheit Israels und die Prophetien analysierst. Es reicht nicht, wenn du die Zeiten beobachtest, registrierst und kombinierst.

In das Reich Gottes wird man hineingeboren. Man sieht es nicht aus der Warte sicherer Distanz. Erst wenn du mitten drin bist, Teil bist von dem, was geschieht, kannst du es auch sehen. - Da könnte Nikodemus zustimmen: Genau, das Reich kommt, wenn wir als Israeliten unserer Geburt gemäss leben, ja, vielleicht ist es dann schon da. Wäre da nicht dieses Wort: "Von oben her geboren"?

Die Herausforderung

Nikodemus nimmt die Herausforderung an: Wenn hier ein Lehrer ist von Gott her, dann kann ich nicht bei dem stehen bleiben, was ich weiss. Er fragt darum zurück: «Wie kann denn ein Mensch neu geboren werden, wenn er alt ist?» Noch einmal ganz von vorne anfangen? Das kann ich doch nicht als alter Mensch, ich habe meine Vergangenheit, habe einen Lebensweg gestaltet, das alles ist Teil von mir, bestimmt mein Denken, bestimmt welche Möglichkeiten ich noch vor mir sehe. Von oben geboren werden: Noch einmal ganz andere Bedingungen für meine Existenz zu bekommen, eine neue Abstammung. Wie kann in die Geschichte der Menschheit etwas wirklich Neues hineinkommen?

Von oben geboren ...?

Im nächsten Wort ist Jesus schon näher bei Nikodemus. «Von oben» meint «aus Wasser und Geist» geboren werden. Damit kann Nikodemus mehr anfangen. Jesus steht in der Tradition von Johannes dem Täufer: Wer sich taufen lässt, seine Umkehr bekennt, der geht noch einmal durch den Jordan, tritt ein in das wahre Israel. Bei Jesus soll die Taufe nun als Geburt verstanden werden: Du kommst in eine neue Welt hinein.
 
Diese Rede von Wasser und Geist war Nikodemus nicht fremd. Er mag an den biblischen Profeten Ezechiel, Kapitel 36, Verse 25+26 gedacht haben, wo der Prophet eine Reinigung beschreibt, die Gott selbst vollzieht: Gott wird euch mit Wasser besprengen, dass ihr wirklich rein werdet; er wird ein neues Herz in euch hineinlegen, seinen Geist, der bewirkt, dass ihr nach seinen Satzungen lebt. Durch den Geist kommt das Neue hinein. Aber er wirkt zusammen mit dem Wasser, mit dem, was schon in dieser Welt ist, nimmt das Gewordene auf und ist doch frei, Neues zu gestalten.

Erst, wenn du mitten drin bist ...

Jesus schliesst so im Laufe des Gesprächs an das an, was Nikodemus vertraut ist, erschliesst ihm den Zugang von seiner eigenen Sichtweise her. Aber mit dem Bezug auf die Wasser-Geist-Tradition sagt er noch einmal: Die Bedingung dafür, dass du das Reich erkennen kannst, ist, dass du schon drin bist: Du musst das, wovon Ezechiel spricht, erfahren, um überhaupt das Reich erkennen zu können.

Am Schluss steht immer noch die Aussage: Du kannst nicht auf Distanz bleiben und aus sicherer Warte beobachten, wo sich das Reich anbahnt: Du erkennst es erst, wenn du mitten drin bist. Es geschieht an dir, mit dir. Was du erarbeitest, wird wohl mit aufgenommen, aber es führt das Reich nicht herbei: Vielmehr führt das Reich dich herbei – es bringt dich zur Welt.

Webseite:
Die Konferenz der Mennoniten der Schweiz 

Zum Thema:
Wiedergeburt

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Datum: 18.09.2011
Autor: Jürg Bräker
Quelle: PERSPEKTIVE

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