Kommentar: Sie war Jungfrau

Aus dem ganzen dicken Buch wird ein Wort herausgepickt und als Sensation herumgeboten: So gehen Medien mit der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, um.

Die Septuaginta wurde im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus erstellt und war für die Juden, die in einer griechischsprachigen, hellenistischen Umgebung lebten, Heilige Schrift. Diese Stellung hatte sie auch für die griechischsprachigen Christen der Antike, unter ihnen die Verfasser des Neuen Testamentes, die aus ihr zitierten. 2200 Jahre nach ihrer Entstehung ist sie zum erstenmal ganz ins Deutsche übertragen worden.

Von der Septuaginta zu Matthäus

Als Sensation – als wäre dies unbekannt gewesen – tragen Medien nun zu Markte, dass der Satz im hebräischen Jesajabuch (1) „Die junge Frau ist schwanger und gebiert einen Sohn“ übersetzt wird mit: „Die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären.“ Grund: Das hebräische Wort ´almah wurde mit dem griechischen parthenos wiedergegeben – und dieses Wort zitiert auch der Evangelist Matthäus als Bestätigung dafür, dass Joseph Grund hatte, Maria nicht heimlich zu entlassen, als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr (2).

Wunder nicht erlaubt?

Seit der frühsten Zeit haben die Christen geglaubt und im Bekenntnis ausgesprochen, dass Jesus von der Jungfrau Maria geboren wurde. Damit halten sie fest, dass Jesus keinen leiblichen Vater hatte, sondern der Geist Gottes in der Zeugung aktiv war. Die übernatürliche Zeugung wurde wie die anderen Wunder seit dem Aufkommen des Rationalismus bestritten. Und wenn es ein Übersetzungsfehler war, erübrigt sich – so die Medien nun – die ganze Diskussion.

Korrekt übersetzt

Aber es war kein Übersetzungsfehler. Die Schöpfer der Septuaginta haben das hebräische Wort an dieser Stelle korrekt übersetzt. ´almah kommt im Alten Testament siebenmal vor – und nie muss darunter eine sexuell erfahrene Frau verstanden werden. Die Bedeutung des Wortes ist: Mädchen, junge, unverheiratete Frau, so die Jungfrau Rebekka (3), die Schwester des ausgesetzten Säuglings Mose, die mit der Tochter des Pharao spricht (4), die jungen Frauen, die von Königinnen und Konkubinen unterschieden sind (5), und die Mädchen, die im Festzug beim Tempel Gottes die Trommel schlagen (6).

Mutter entscheidet

Die Septuaginta-Übersetzer haben nicht gefehlt, sondern die aussergewöhnliche Prophetie von Jesaja mit dem Aufsehen erregenden Wort parthenos unterstrichen. Sie war in der Tat einzigartig: Die Frau selbst, sagt Jesaja, werde ihrem Kind den Namen geben – nicht wie üblich der Vater. Und der Name werde sein: Immanuel, „Gott mit uns“.

Grandioser Beitrag zur Selbsterhaltung

Gewiss wurde die Septuaginta-Übersetzung zu Beginn der hellenistischen Epoche erstellt, als sich griechische Zivilisation und orientalische Kulturen begegneten. „Bei hellenistischen Königen“, wird der Bamberger Theologe Volker Eid in der Tageszeitung ‚Die Welt‘ zitiert, „war es nicht unüblich, sich auf göttliche Zeugung zu berufen und so eine despotische Herrschaft zu begründen.“ Doch wurde die Septuaginta nicht erstellt, damit sich die Juden hellenistische Motive zu eigen machen konnten. Vielmehr wollten die Übersetzer ihre Tradition, ihre Religion und Identität als Minderheit in der überwältigend pluralistischen Kultur der Hellenen bewahren und sich von ihr abgrenzen.

Friedefürst, nicht Despot

Und um despotisch zu herrschen, sollte das Kind nicht geboren werden, sondern als Zeichen fürs Gegenteil: als Zeichen dafür, dass der König von Jerusalem sich vor fremden Despoten und Eroberern nicht zu fürchten brauchte (7). Nicht um despotisch herrschen, sondern um die Schuldfrage einer Lösung zuzuführen, kam Jesus siebenhundert Jahre nach Jesajas Prophetie zur Welt. Matthäus erwähnt in seinem Bericht, wie der Engel Gottes Josef auf die Niederkunft Marias vorbereitete (8): „Was sie empfangen hat, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von ihren Sünden retten.“

Link zum Thema:
Mehr zur deutschen Septuaginta-Übersetzung

(1) Die Bibel, Jesaja, Kapitel 7, Vers 14
(2) Matthäus 1,23. Die Entlassung wäre das Unauffälligste gewesen, wäre Maria von einem anderen Mann schwanger geworden.
(3) 1. Mose 24,43. Rebekka wird in Vers 16 auch explizit als betulah, Jungfrau, bezeichnet. betulah ist in der hebräischen Bibel das Wort für Jungfrau, doch scheint der Sinn nicht eindeutig, da Joel 1,8 eine Witwe meint.
(4) 2. Mose 2,8
(5) Hohelied 1,3; 6,8
(6) Psalm 68,26. Je nach Lesart des hebräischen Texts kommen zu diesen sieben Stellen mit ´almah zwei weitere: Psalm 46,1 und 1. Chronik 15,20.
(7) Jesaja 7,1-16
(8) Matthäus 1,20-21

Datum: 03.02.2009
Autor: Peter Schmid
Quelle: Jesus.ch

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Information

Anzeige