Warum mussten im Alten Testament Tiere geopfert werden?

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Viele Bibelleser geraten spätestens beim 3. Buch Mose ins Stocken. Seitenweise ist von verschiedenen Opfern die Rede, die Gott gebracht werden sollen (Kapitel 1–7). Bereits zuvor und auch später liest man von Opfergaben, die auf Altären, in der so genannten Stiftshütte bzw. im Tempel von Jerusalem dargebracht wurden. Das Alte Testament berichtet von täglichen Opfern, den Opfern Einzelner und den Darbringungen an Feiertagen oder zu besonderen Anlässen. Auch zur Zeit des Neuen Testaments ist die Praxis des Opferns geläufig: Joseph und Maria bringen die nach der Geburt Jesu angeordneten Reinigungsopfer im Jerusalemer Tempel dar (Lukas 2,22­­–24).

Viele dieser Schilderungen befremden uns heute. Im alten vorderen Orient und der griechisch-römischen Antike waren Opfer jedoch selbstverständlicher Teil antiker Religiosität. Dennoch fragen wir uns: Warum mussten im Alten Testament regelmässig so viele Tiere sterben? Schliesslich macht die Bibel an einigen Stellen deutlich, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, keine Opfer braucht. Was also war der Sinn der Opfer? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn man die vielen verschiedenen Arten von Opfern und Opfergaben bedenkt, die im Alten Testament erwähnt werden.

Durch manche der Opfer brachten Menschen ihre Dankbarkeit Gott gegenüber zum Ausdruck. Sie liessen es sich etwas kosten! Ähnliche Funktion hatten die verschiedenen Lob- und Erntegaben oder die Opfer von den Tierherden. Zudem stifteten und erneuerten Opfer die Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen und Menschen untereinander.

Allerdings wurden bei dem Ritus von fast allen Opfertieren nur bestimmte Teile verbrannt, andere Teile wurden von den Opfernden und ihren Angehörigen als Fest- und Freudenmahl verzehrt. Teilweise wurden auch die Priester Israels durch einen Teil der Opfergaben versorgt.

Neben diesen und anderen freiwilligen Gaben war das Opfern von Tieren auch nötig, um vor Gott Vergebung der Sünden zu erhalten. Das Tierblut wurde vergossen, da nach alttestamentlicher Vorstellung im Blut das Leben ist. Stellvertretend für den vor Gott schuldig gewordenen Menschen konnte ein Tier geopfert werden, denn „ohne Blutvergiessen, ohne Lebenshingabe, gibt es keine Vergebung der Sünden" (Hebräer 9,22). Der Opfernde musste dabei seine Hand auf das Tier legen und sich über den Tod des Tieres mit seinem Leben und Sterben identifizieren. Dadurch wurde einerseits die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes deutlich, andererseits wurde den Menschen immer wieder das Wesen von Sünde als Auflehnung gegen Gott und ihre tödliche Folge deutlich.

Vor allem die Opfer, die Einzelne für ihre Schuld und Sünde darbrachten oder die am Versöhnungstag für die Sünden des Volkes gebracht wurden, wiesen über sich hinaus auf ein grösseres Opfer hin. Das Neuen Testament berichtet davon, dass Jesus, der Sohn Gottes, der selbst ohne eigene Sünde war, sein Leben als ein Opfer gegeben hat („So ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen“, Hebräer 9,28).

An unserer Stelle hat er sein Leben für unser vor Gott verwirktes Leben geben. Wenn wir dieses stellvertretende Opfer annehmen, können wir Vergebung der Sünden und Frieden mit Gott bekommen. Sein Opfer gilt für alle Menschen aller Zeiten – es braucht auch nicht wiederholt zu werden. Durch dieses Opfer erweist Gott uns heute seine Gerechtigkeit und Heiligkeit und zugleich seine Liebe.

Autor: Prof. Dr. Christoph Stenschke ist Dozent für Neues Testament in Wiedenest und Generalsekretär der Gemeinschaft europäischer evangelikaler Theologen (FEET).

Datum: 15.01.2006
Quelle: Neues Leben

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