Buchrezension

Ulrich Parzany: «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen»

Sein letztes Buch war eine Abrechnung mit der Kirche. Sein neues Buch ist: eine Abrechnung mit der Kirche. Ulrich Parzany hätte mit «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen» überraschen können. Er hat es nicht getan. So finden sich hier lesenswerte Gedanken neben erwartbaren Plattitüden und einem herausfordernden Schluss.

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Ulrich Parzany mit neuem Buch
Die Pressemeldung des SCM Hänssler Verlags setzt dem Titel noch eins obendrauf: «Weil wir wissen, was Gott will». Das hört sich gut und griffig an, aber ist es wirklich so, dass wir in den vielen Fragen unseres Alltags die Bibel aufschlagen, jedes Mal eine konkrete Antwort finden und sie direkt umsetzen können? Das mag manchmal so sein und vielfach auf der Wunschliste stehen. Oft ist es jedoch ein Herumtasten zwischen Versuch und Irrtum – selbst wenn die Bibel die Grundlage für all unser Planen und Überlegen bildet. Was bedeutet hier die biblische Aussage von Petrus: «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!» (Apostelgeschichte, Kapitel 5, Vers 29)?

Der Trailer

Ulrich Parzany führt mit einem Filmtrailer in sein Buch ein. Und er erzählt darin: «In meinem neuen Buch möchte ich zeigen, warum dieser Grundsatz des Gehorsams gegenüber Gott heute so gültig ist, wie er es seit jeher war. Allen Zweifeln zum Trotz: Kommen wir ins Gespräch.» Der Evangelist ergänzt: «Wir leben in einer Zeit, in der nichts mehr sicher zu sein scheint. Kaum etwas ist uns noch heilig – schon gar nicht Gott und was er uns zu sagen hat. Denn wir haben beschlossen, dass wir nur unserem eigenen Willen folgen wollen und niemandem gehorchen müssen ausser uns selbst…»

Hier werden junge Menschen mit erhobenen Armen gezeigt. Soll das bedeuten, dass junge Menschen, die eher charismatisch geprägt sind, eher ichzentriert sind? Schon im Trailer zeigt sich damit eine einerseits klare und verständliche Fragestellung, die aber gleichzeitig mit unausgesprochenen (Vor)Urteilen verknüpft wird.

Das Buch

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Das Cover des neuen Buches

Auf 192 Seiten entfaltet der Pfarrer und langjährige Pro-Christ-Redner Ulrich Parzany (77) seine Meinung zu dem, was Gottes Wille ist und was es bedeutet, diesen Willen auch gegen Widerstände durchzusetzen. Der Autor stellt am Anfang klar: «Was lange selbstverständlich als Wille Gottes galt und wenigstens in den christlichen Kirchen anerkannt wurde, wird heute von vielen als menschenfeindlich verurteilt. Sollten Christen sich daher dem Zeitgeist anpassen?» (S. 7). Dabei scheint Zeitgeist für ihn allerdings ein Phänomen zu sein, das erst heute zum Tragen kommt. Es wird benannt, allerdings nicht erklärt, und klingt damit ein bisschen wie das Klischee «Früher war alles besser».

Es folgt ein starker Ritt durch die Kirchengeschichte mit interessanten Geschichten aus der Geschichte. Parzany stellt von der Iranerin Laden Nouri bis zurück zu den Waldensern oder den Mennoniten Christen vor, die Gott mehr gehorchen wollten als Menschen. Die Berichte berühren. Gleichzeitig bleibt der Massstab offen, was nun «biblisches» Verhalten ist. Paul Gerhardt – er wird hier nicht genannt – verlor seine Stelle als Pfarrer der Berliner Nikolaikirche, weil er nicht bereit war, das Toleranzedikt zu unterschreiben. Für ihn ging es genau um diese Frage des Gehorsams, heute erscheint sie eher als Problem seiner Zeit, denn es ging um die Zusammenarbeit evangelischer Christen, nämlich der lutherischen und reformierten Kirchen.

Parzany bietet ein starkes Bild und eine klare Beschreibung diese Konflikts: «Nun müssen Christen selbstverständlich nicht in allen kontroversen Angelegenheiten einer Meinung sein. Die Einheit der Gemeinde durch Jesus gleicht der Einheit einer bunten Blumenwiese, nicht der eines grauen Betonklotzes. Es gibt viele verschiedene Persönlichkeiten, soziale und kulturelle Prägungen, Begabungen, Geschmäcker, Gewohnheiten und Meinungen. Hoffentlich gibt es sie. Das entspricht dem Reichtum des Schöpfers. Aber nur, wenn die verbindende Mitte einer Gemeinde stärker ist als die Verschiedenheiten, lebt die Gemeinschaft wie ein Organismus, in dem ein Glied dem anderen dient und so der ganze Körper lebt. In dieser allgemeinen Beschreibung sind wir uns meistens einig. Schwierig wird es, wenn wir konkret sagen sollen, was zur verbindenden Mitte gehört und was zur bereichernden Verschiedenheit» (S. 68).

In der Mitte des Buchs benennt Parzany drei besonders relevante Konfliktfelder: Geld, Sonntagsheiligung und Gerechtigkeit bzw. Schöpfungsbewahrung. Er handelt sie allerdings in nur sechs (Sonntagsheiligung) bzw. zwei (Gerechtigkeit, Friede und Schöpfungsbewahrung) Seiten ab. Und sie tauchen anschliessend nicht mehr auf, denn es sind nicht die eigentlichen Themen seines Buches. Stattdessen stellt er klar: «Ja, Christen müssen sich engagieren, um die Nöte der Welt zu lindern, und sie tun es an vielen Orten. Aber sie müssen dabei aufpassen, dass sie nicht missbraucht und vor gefährliche ideologische Karren gespannt werden. Wo sie sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen, segeln sie heute grundsätzlich mit starkem Rückenwind. Darum finde ich es befremdend, dass kirchliche Führungskräfte immer wieder mahnen, wir sollten uns doch bitte mehr für Themen des konziliaren Prozesses engagieren, anstatt uns bei Abtreibung und Homo-Ehe festzubeissen. Es gehört wenig Mut dazu nachzusprechen, was die Mehrheit schon sagt. Deshalb schreibe ich in diesem Buch über die Konfliktfelder, auf denen Christen heute nicht mit dem Rückenwind der Mehrheitsmeinung segeln können» (S. 106).

Das heimliche Thema

Beim Lesen hat man die ganze Zeit schon den Eindruck: Da kommt noch etwas. Und tatsächlich schwenkt das Thema ab Kapitel neun zu dem, was Parzany eigentlich sagen möchte: «In diesem Buch geht es vor allem um den Appell an Christen, ihr Gewissen in diesem Konflikt am Gebot Gottes zu orientieren: 'Du sollst nicht töten!'» (S. 124). Bis jetzt kam es praktisch nicht zur Sprache, auch der Titel lässt nichts davon erahnen, doch tatsächlich ist Parzanys Buch ein Appell gegen Abtreibung, Sterbehilfe und Homosexualität.

In den umfangreichsten Kapiteln des Buches bricht der Evangelist eine Lanze für konservative Bibelauslegung. Dabei folgen auf informative und interessante Abschnitte solche, die sich an der Grenze des Manipulativen bewegen. Wenn eine Frau über Abtreibungen erzählt: «Ich habe schon viele Mütter weinen sehen, weil sie diesen Schritt im Nachhinein bitter bereut haben» (S. 119), dann ist das hoch emotional. Allerdings wäre solch ein Zeugnis auch aus der gegensätzlichen Wahrnehmung möglich.

Dass die Wortwahl hier eine wichtige Rolle spielt, wird auch beim Thema Sterbehilfe deutlich. Geht es um eine (sündige) «Selbstbestimmung» (S. 129) oder um eine «Selbstverantwortung», wie der Theologe Hans Küng in seinem Buch zum Thema «Glücklich sterben?» behauptet? Parzanys Zwischenantwort auf Seite 129 trifft in diesem Sinne den Kern und greift gleichzeitig zu kurz: «Was folgt daraus für die kontroverse Debatte in unserer Gesellschaft? Dreierlei: Erstens, das Evangelium von Jesus verkünden! Zweitens, das Evangelium von Jesus verkünden! Drittens, das Evangelium von Jesus verkünden!» Daran ist sicherlich nichts verkehrt. Das Evangelium soll verkündet werden. Aber gleichzeitig haben die Christen, die dies tun, in vielen Fragen unterschiedliche Meinungen. Unterschiedliche Meinungen, die sich auch nicht dadurch beseitigen lassen, dass sie das Evangelium verkünden.

Schade, dass das eigentliche Thema des Buches im Titel nicht vorkommt. Als Leser möchte ich doch wissen, worum es in Wirklichkeit geht.

Die Herausforderung

Zum Ende des Buches wird Parzany sehr konkret. Er fordert seine Leserinnen und Leser auf, sich politisch zu engagieren, den Rahmen unserer demokratischen Gesellschaft auszuschöpfen. Dabei betont er, dass es zwar keine christliche Politik gibt, aber sehr wohl Christen in der Politik. Dazu zitiert er den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Gustav Heinemann mit seiner bekannten Äusserung: «Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt.» (S. 167) Und er fordert: «Erstens: Sie müssen um Gottes und der Menschen willen ihren Glauben an Jesus Christus profiliert leben und das Evangelium persönlich und öffentlich einladend bekannt machen. Zweitens: Sie müssen ihren Begabungen und den Herausforderungen der heutigen Welt entsprechend tatkräftig Mitverantwortung für das Wohl der Menschen und für die Gestaltung der Gesellschaft übernehmen» (S. 168).

Ja! Genau dieser Diskurs ist nötig, dieses Einmischen und Sich-zu-Wort-melden. Hier liegt eine klare Stärke des Buchs. Parzany verschanzt sich nicht hinter einer Mauer des «Ich hab’s doch schon immer gesagt», sondern er sucht das Gespräch und die Auseinandersetzung. Für ihn ist die christliche Position im Gegensatz zur politischen Mehrheitsentscheidung allerdings klar gesetzt.

Sollten Sie dieses Buch lesen?

Wenn Sie ein Fan von Ulrich Parzany sind: unbedingt. Wenn Sie gute Gedanken zu Apostelgeschichte, Kapitel 5, Vers 29 suchen: durchaus. Wenn Sie inhaltlich und konstruktiv an den eigentlichen Themen des Buches arbeiten wollen (Abtreibung, Sterbehilfe und Homosexualität): nur bedingt.

Der Journalist und ehemalige Nachrichtensprecher Peter Hahne sekundiert Parzany zwar begeistert und lobt das Buch: «Schwarzbrot statt Fast Food. Kein weichgespültes Gefälligkeits-Christentum. Kein Relativismus im frommen Gewand, sondern knallhart, klar und kompromisslos…» Doch seit wann ist «knallhart und kompromisslos» ein Synonym für christlich? Dieses Buch wird vielen Christen gefallen, die sich in seinen Thesen bestätigt sehen, aber es lädt nicht zum Gespräch und kaum zum selbst Nachfolgen ein… Schade. Neben allem Informativen und Warnenden bleibt bei «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen» der fade Nachgeschmack einer persönlichen Abrechnung.

Das Buch erscheint am 10. September 2018.


Zum Buch:
Ulrich Parzany: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Ein Appell zum mutigen Bekenntnis. ISBN Nr. 978-3-7751-5883-1, SCM Hänssler, Euro 16,99 / SFr 25.50.

Zum Thema:
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Datum: 02.09.2018
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Kommentare

Natürlich sind Bücher wie dieses für jene, die sich als liberale Christen bezeichnen oder für Nichtchristen ein Dorn im Auge. Ulrich Parzany spürt jedoch nur, was heute besonders Not tut: im christlichen Bereich nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an biblischer Weisung; im gesellschaftlichen Bereich nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an Werten, die man zwar oft als konservativ bezeichnen kann, die aber in der Bibel begründet sind (Man vergesse nicht, dass auch "liberale" Werte, wie Freiheit oder Menschenrechte auf diese zurückgehen). Es gab auch schon Zeiten, wo die andere Stossrichtung nötig war, aber Herr Parzany liegt für die heutige Zeit goldrichtig.

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