Das Onoda-Problem

Zwischen Festhalten und Fanatismus

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Treu an Jesus und den eigenen Überzeugungen festzuhalten ist ein wichtiger christlicher Wert. Doch wenn man einige Faktoren nicht beachtet, kann das Ganze auch in Richtung Fanatismus kippen. Das zeigt das Beispiel des japanischen Soldaten Onoda Hiroo, für den der Zweite Weltkrieg 30 Jahre zu spät endete.

Immer mal wieder geht die Geschichte von Onoda Hiroo durch die Presse, zuletzt zum 75. Jahrestag der japanischen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg in der NZZ. Der japanische Nachrichtenoffizier war auf der philippinischen Insel Lubang stationiert, als der Krieg zu Ende ging. Doch davon bekamen er und seine drei Kameraden erst einmal nichts mit, später taten sie die Informationen als Feindpropaganda ab. Ein Soldat ergab sich im Laufe der Jahre, zwei wurden bei Guerillaaktivitäten erschossen, aber Onoda konnte erst 1974 von seinem ehemaligen Vorgesetzten davon überzeugt werden, dass der Krieg tatsächlich vorbei war – seit inzwischen 30 Jahren!

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Onoda Hiroo
Für japanische Medien galt Onoda lange als Vorbild an Treue und Hingabe, obwohl er sich als Spätheimkehrer aus dem Krieg schwertat, wieder richtig in die Gesellschaft hineinzufinden. Viele sehen in ihm eher das tragische Beispiel eines Fanatikers, der den Bezug zur Realität verloren und deshalb seine Anstrengungen verdoppelt hat.

Treue ist ein guter Wert

Wer jetzt vorschnell Treue mit Fanatismus gleichsetzt, schiesst übers Ziel hinaus, denn an sich ist Treue ein sehr guter christlicher Wert. Sie drückt Loyalität, Vertrauen, Hingabe und Zuneigung aus – und das in der Regel über einen langen Zeitraum. Trotzdem sind gewisse Parallelen zwischen Onoda Hiroo und der Geschichte der Christen unübersehbar: Da gab es vor langer Zeit die Berufung durch den Herrn. Einerseits hat sich daran nichts geändert, andererseits hat ihn seitdem niemand mehr gesehen … Wie können Christen es vermeiden, so realitätsfern wie der japanische Soldat an einer Wirklichkeit festzuhalten, die es schon lange nicht mehr gibt? Wie vermeiden sie das Onoda-Problem?

Gemeinschaft als Korrektiv

Wer allein unterwegs ist, kommt manchmal schneller voran. Aber er neigt viel eher dazu, sich zu verrennen. Auch deshalb gibt es Gemeinde, die «Gemeinschaft der Heiligen». Sie ist keine abgeschlossene Parallelgesellschaft der besseren Menschen, sondern – wenn es gutgeht – Ermutigung und Korrektiv. Damit ist sie viel mehr als eine Filterblase der Gleichgesinnten, sondern bietet die Möglichkeit, gemeinsam «auf Kurs» zu bleiben.

Weg von den Feindbildern

Eine weitere Chance, sich zu verrennen, ist das Pflegen von Feinbildern. Keine Frage, das motiviert, allerdings in die falsche Richtung. Denn die Welt um die Christen herum besteht aus Menschen, die nicht an Jesus glauben, aber nicht aus Feinden. Wenn manche Christen zu allem und jedem «Stellung beziehen», verwenden sie damit nicht nur zufällig einen Begriff aus der Kriegsführung. Doch Christen sind nicht diejenigen, die gegen andere, sondern die für Christus sind.

Eine Botschaft für heute

Es gibt Christen, die wirken etwas «aus der Zeit gefallen». Sie wünschen sich allen Ernstes so etwas wie die Reformationszeit zurück, «weil da die Menschen noch nach dem gnädigen Gott suchten». Aber nicht nur das Beispiel von Onoda zeigt, dass sich die Situation ändern kann. Und dass sich daraufhin auch das Verhalten ändern sollte. Sicher ist Mission für Christen immer noch ein Thema, schreiben sie sich immer noch die gute Nachricht der Liebe Gottes auf ihre Fahnen, aber wenn die Kommunikationswege dafür nicht mehr in die Zeit passen, dann müssen sich nicht die anderen ändern.

Treu gegen den Herrn, nicht gegen den Auftrag

Ein typischer Teil des Onoda-Problems mancher Christen ist ihre Hingabe an die Bibel. Als Gottes Wort hat sie eine ganz besondere Bedeutung für Gläubige. Aber wer das überhöht, der glaubt plötzlich an die Bibel statt an Gott. Der betont plötzlich einzelne Aussagen daraus (bzw. sein Verständnis davon!) und nennt das Treue. Doch echte Treue kann sich nur auf eine Person beziehen, nicht auf eine Sache. Paulus hat dies einmal so ausgedrückt, dass Christus selbst «uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes; denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig» (2. Korinther, Kapitel 3, Vers 6).

Das Onoda-Problem überwinden

Wenn Christen treu an Christus festhalten, der immer in Bewegung war und ist, um Menschen seine Liebe zu zeigen, dann ist die Wahrscheinlichkeit nur gering, dass sie erstarren oder fanatisch werden. Liebe überwindet vieles, auch das Onoda-Problem.

Onoda Hiroo starb übrigens 2014 in Tokio. In seinen letzten Lebensjahren hatte er sich für die Werteerziehung der japanischen Jugend eingesetzt.

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Datum: 02.09.2020
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Kommentare

O weh, einmal mehr wird leider 2Kor 3,6 völlig losgelöst vom Kontext zitiert. Dort ist die Rede vom Gegensatz Evangelium vs. Gesetz. Der Buchstabe ist das Gesetz, das das Todesurteil über jeden spricht, der es nicht einhält (und da sind alle Menschen eingeschlossen). Der Geist ist der Neue Bund, das Evangelium, das die Rechtfertigung durch Christus verkündigt. Der Buchstabe ist also nicht "eine Sache" oder gar "die Bibel", sondern der Alte Bund. Die Treue zur biblischen Botschaft gegen die Treue zu Christus auszuspielen, geht schon deshalb nicht, weil Christus bzw. Gott sich uns in der Bibel offenbart. Ja, wir sind Christus treu, aber diesen Christus finden wir im Wort Gottes.

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