Globalisierung

«Was die Bibel über die Menschheit lehrt ist revolutionär»

Eine Analyse der Globalisierung aus christlicher Sicht haben die Vereinigten Bibelgruppen in Schule, Universität, Beruf (VBG) zum Abschluss des Weltwirtschaftsforums in Davos vorgelegt.

Vinoth Ramachandra aus Sri Lanka, Regionalsekretär der Internationalen Studentenmission IFES für Südasien, formulierte ein Gegenmodell zur Globalisierung wie sie zurzeit abläuft. In einem Papier fordert er dazu auf, der „Tyrannei des Marktdenkens” zu widerstehen, die „Götzen” wirtschaftlichen Denkens zu entlarven sowie der Korruption und Kapitalflucht konsequent entgegenzutreten. Die Kirche ist laut dem Autor die einzige wirklich globale Bewegung: „Sie hat deshalb eine entscheidende Bedeutung in der Frage, wie sich die Globalisierung weiter entwickelt.“ Ramachandra skizziert in seinen Ausführungen das Menschenbild der Bibel und stellt es den Mechanismen der Globalisierung gegenüber. Er versucht aufzuzeigen, wie sich die Kirche im Spannungsfeld zwischen Grenzen und Chancen der Globalisierung verhalten könnte.

Verantwortung übernehmen

„Es wird höchste Zeit, dass die christlichen Kirchen dieser Welt ihre politische Verantwortung, die in ihrem Grundprogramm – der Bibel – angelegt ist, bewusster und strategischer wahrnehmen, ganz nach dem Motto: "global denken, lokal handeln".

Ramachandra geht dabei von einem Schöpfungsmodell aus. Die Schöpfung sei von Gott ausgestattet, Neues hervorzubringen. Alle ihre wunderbaren Fähigkeiten zur Erneuerung, zur Anpassung und zur Entwicklung seien ihr vom Schöpfer eingebaut worden. Laut Ramachandra bedeutet der Auftrag Gottes, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren, ein nachhaltiges Wirtschaften, den Verzicht auf Raubbau und Ausbeutung der Ressourcen. Eine von Habgier und Unterdrückung geprägte Wirtschaft zerstöre die menschliche Gemeinschaft und letztlich die Erde.

Menschen sind Abbilder Gottes

Was die Bibel über die Menschheit lehrt, sei überraschend revolutionär. Das Stein- oder Metallbild, das ein antiker König aufstellte, war das sichtbare Symbol seiner Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet. Es war sein Stellvertreter gegenüber den Untertanen. Nun aber sind es Menschen, die als Stellvertreter Gottes auf dem Planet Erde aufgestellt werden. Daraus folgt, dass wenn Menschen Götzen aus irdischer Substanz formen und sie anbeten, beten sie etwas ihnen Untergeordnetes an und entmenschlichen sich damit. „Daraus folgt, dass unsere Art und Weise, andere Menschen zu behandeln, ein Spiegelbild unserer Einstellung zu Gott ist. Menschen zu verachten heisst, den Schöpfer zu beleidigen,“ folgert Ramachandra daraus.

Die Vorstellung eines unveräusserlichen Wertes menschlichen Lebens in der westlichen Zivilisation gründe auf dem Glauben, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen sei. „Es ist die Liebe Gottes zu allen Menschen, die die Armen und Unterdrückten berechtigt, aufzustehen und ihr Recht auf Unterstützung und Freiheit in Anspruch zu nehmen“, leitet er die Konsequenzen für die die Dritte Welt aus.
„Die revolutionäre Einmaligkeit dieser Sicht des menschlichen Lebens wird nicht zuletzt in unseren (post)modernen Gesellschaften wahrgenommen, und es ist ein wichtiger Aspekt christlicher Mission, diese Vision von Menschlichkeit zu erläutern angesichts aller andern Definitionen von Menschlichkeit, die sich in den Medien, der Wirtschafts- und der akademischen Welt zuhauf zu Wort melden. Menschen sind aus der Einsicht heraus zu behandeln, dass sie einen eigenen Wert haben, der ihnen durch andere Menschen weder gegeben noch genommen werden kann; er kann nur anerkannt werden“ ergänzt Vinoth Ramachandra in dem Papier.

Ökonomischer Imperialismus

Während die Globalisierung auf dem Gebiet der Kommunikation eine „gewaltige demokratisierende Kraft“ bilden könne, beobachtet Ramachandra negative Folgen für die Entwicklungsländer. Eine neoliberale Wirtschaftsideologie proklamiere „die Abschaffung der Nationalstaaten zugunsten einer Weltwirtschaft, die von heimatlosen privaten Konzernen dominiert wird“. Diese Wirtschaftsordnung gerate zum Nachteil der Länder des Südens. Ramachandra beobachtet einen „ökonomischen Imperialismus, der sich dafür ausspricht, dass alle Staaten, Gesellschaften und Kulturen sich dem weltweiten freien Markt der Finanzen und Güter unterordnen sollen.“

Kirche muss Gegenmodell verwirklichen

Ramachandra zeigt auch Schritte zur „Erlösung“ aus der Globalisierung auf. Er plädiert für eine Demokratisierung nationaler und transnationaler Institutionen. Die Kirche könne als „Leib Christi“ zum weltweiten Gegenmodell einer rein wirtschaftlichen Globalisierung werden: Für Christen bedeute dies, dass sie sich beispielsweise nicht mehr fragen „Ist das gut für Amerika?“ oder „Dient das unseren indischen Interessen?“, sondern „Wie fördert oder behindert es das Reich Christi, das sich unter den Schwachen, den Stummen und den Ausgeschlossenen der Erde formt?“

Ausführliche Fassung unter: www.vbginstitut.ch/index.php/30/0/

Hinweis
Vinoth Ramachandra, der Autor, weilt vom 15. bis 22. Oktober dieses Jahres auf Einladung der VBG in der Schweiz. Er ist Hauptreferent am "Nord-Süd-Tag" (15. Oktober 2005) in Bern. Ausserdem wird er im Rahmen der "Stop-Armut-2015"-Kampagne der Evangelischen Allianz in verschiedenen Schweizer Städten sprechen.

Webseite: www.vbginstitut.ch

Autor: Vinoth Ramachandra
Quelle: Bulletin VBG-Institut


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