Neu zu leben beginnen – auf den Wegen der Vergebung

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Nichts steht dem Feiern so im Weg wie alte Verletzungen und Kränkungen. Dabei gibt uns Gott die Chance, mit Vergebung neue Wege zu beschreiten. Vor, während und nach dem Weihnachtsfest. Der Psychotherapeut Dr. Martin Grabe* legt dar, dass Vergebung besser ist als Vergeltung.

In praktisch jeder Psychotherapie auf tiefenpsychologischer Basis muss der Einsichtsprozess von Vergebung begleitet sein. Ein Therapiefortschritt ist unmöglich, wenn das nicht der Fall ist. Insofern ist es wirklich erstaunlich, dass die Therapeuten diesen Themenbereich bis vor kurzem fast ausschliesslich den Theologen überlassen haben.

Ich möchte eine erfahrungsbasierte Theorie der Vergebung skizzieren, die sich inzwischen in der praktischen Anwendung sehr bewährt hat. Wer die Wege zur Vergebung kennt, kann sie besser nutzen.

Die Kränkung ist das Problem, das die Vergebung lösen kann

Bei Kränkungen, die Menschen erfahren, lässt sich immer wieder beobachten, dass die anfängliche, eigentliche Verletzung nur einen Bruchteil der emotionalen Belastung ausmacht, die sie später insgesamt für die Betroffenen bedeutet. Eine viel stärkere Rolle spielt der innere Prozess, der sich an die Verletzung anschliesst. Die Situation wird immer wieder nacherlebt, meist unter dem Vorzeichen, wie ein Mensch denn besser, schlagfertiger, aggressiver hätte reagieren können. Hinzu kommen Hass- und Rachefantasien.

Groll macht die Seele hart

Gerade Opfer wirklich heftiger Verletzungen können in einen Kreislauf geraten, wo sie sich immer wieder selbst schädigen, ihr Leben deformieren und Lebenszeit unglaublich stressig und negativ verbringen. Viel Zeit und viel Energie sind gebunden und stehen dem übrigen Leben nicht mehr zur Verfügung. Liegt eine unverarbeitete schwere Verletzung lange zurück, läuft dieser Prozess nicht mehr so intensiv ab. Es bleibt ein tief sitzender Groll zurück, der zur negativen Lebenseinstellung versteinert.

Wie die Psyche auf Kränkung reagiert

Natürlich haben diese innerseelischen Prozesse ihren Sinn. Unsere Psyche versucht, unser Selbstwertgefühl wieder herzustellen, das durch die erlebte Kränkung ins Wanken gekommen ist.
Das versucht sie durch zwei Mechanismen zu erreichen:

1. durch Grübeleien, wo derjenige, der uns geschadet hat, abgewertet wird, und wir selbst als die Guten dastehen. Also wie fies das auch war, was uns der andere angetan hat, wie er uns enttäuscht hat usw.

2. gibt es die Fantasien darüber, wie wir unsererseits dem anderen schaden könnten, also Rachefantasien. Diese ermöglichen eine Art kurzzeitige Befriedigung.

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Dr. Martin Grabe

Grübeln – Leerlauf im Hamsterrad

Allerdings bilden all diese Gedanken eine Art Leerlauf im Hamsterrad. Menschen, die von anderen schwer verletzt wurden, können das bestätigen. Es kommt nichts Gutes bei dieser Art Grübeleien heraus. Im Gegenteil, Geschädigte schaden sich selbst weiter, indem sie ihre Energie verschwenden und ihre Gedanken an den Täter ketten.

Die Spannung, die jeder Mensch mehr als einmal erlebt, ist einerseits zu wissen, nichts wäre entspannender, würde den inneren Frieden mehr herstellen, als diese Sache jetzt loslassen zu können. Sie beiseite legen und sich viel erfreulicheren und sinnvolleren Dingen zuwenden zu können. Und andererseits: zu merken, dass es in bestimmten Situationen nicht geht.

Hier ist der Ansatzpunkt für die verschiedenen Wege der Vergebung.

Ich möchte Ihnen diese kurz darstellen und dabei auch auf die besonderen Möglichkeiten eingehen, die der christliche Glaube in Bezug auf Vergebung bietet. Dabei möchte ich mich auf die Vergebung unter Menschen begrenzen.

Die Wege der Vergebung: Ich habe es in der Hand

Vergebung heisst ja, grob gesagt, dass mir ein Unrecht getan worden ist, und ich bewusst darauf verzichte, von dem Täter eine vollständige Wiedergutmachung zu erhalten.

Es ist also prinzipiell eine Sache, die ich tun kann. Der grosse Vorteil ist: wenn es klappt, ist der Friede augenblicklich wieder hergestellt – jedenfalls mein innerer Friede. Und ich habe es in der Hand, das unabhängig von anderen jederzeit zu tun.

Nur bleibt ja die Frage: wie kann es denn zwischen einer anderen Person und mir wieder gut sein, wenn ich auf die fällige Wiedergutmachung verzichte? Das heisst, wo bleibe ich denn mit dem Defizit, das da bei mir zurückbleibt? (nämlich emotional und materiell an Gutem, das er mir eigentlich noch tun müsste). Andersherum: wo bleibe ich mit dem Überschuss an Ärger und Verletztheit, den ich noch habe?

Insgesamt gibt es drei Möglichkeiten, wie ich bewusst mit dem mir zugefügten Unrecht umgehen kann. Sehr viel geschieht natürlich auch unbewusst, wie z. B. Kopfschmerzen zu bekommen, wenn mich mein Vorgesetzter ärgert. Nur das suche ich mir nicht aus. Und die neurotische Lösung ist definitionsgemäss nicht so gut.

Die Möglichkeiten, mit Unrecht, das uns angetan wurde, konstruktiv umzugehen, sind die drei Wege der Vergebung. In jeder dieser Möglichkeiten liegt jeweils eine eigene Chance, vergeben zu können:

Erster Weg der Vergebung: Verstehen

Ein Bauer mit einer sperrigen Landmaschine auf dem Anhänger weicht Ihnen aus, so weit er kann. Trotzdem macht er Ihnen einen ziemlichen Kratzer an die Autotür. Recht ärgerlich.

Aber vergleichen Sie das mal mit dem Gefühl, das in Ihnen aufsteigt, wenn Sie gerade dazu kommen, wie ein Zwölfjähriger Ihnen mit einem rostigen Nagel etwas in die Autotür ritzt.

Ich denke, der Unterschied ist deutlich. Es scheint gar nicht um die Grösse des Unrechts an sich zu gehen, das uns widerfährt – der Kratzer an der Autotür ist jedes Mal gleich gross. Es geht vielmehr darum, ob ich verstehen kann, was da passiert ist, oder ob ich es im Extremfall für „reine Bosheit“ halte.

Das gilt für alle Verletzungen zwischen Menschen. Deshalb sind wir ja auch oft so bemüht, möglichst schnell eine Erklärung dafür zu liefern, wenn wir uns auf eine Weise verhalten haben, von der wir annehmen, dass sie andere geärgert hat. Wir nennen das ja auch Ent-schuldigungen, also den Versuch, die Schuld so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

Zum Glück sind z.B. die meisten Eltern geneigt und meist ziemlich weitgehend bereit, ihren Kindern gegenüber Verständnis aufzubringen. So hat der unausstehliche Dreijährige halt seine Trotzphase, die weinerliche Fünfjährige wohl Ärger im Kindergarten und die aggressive Grosse vielleicht Stress in der Schule.

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Die Bedingtheit des Handelns erkennen

Das Prinzip des Vergebenkönnens durch Verstehen liegt darin, dass wir das Handeln eines Mitmenschen aus seinem Kontext heraus zu verstehen suchen, und dabei – ähnlich wie wir Verhalten oft bei Kindern interpretieren – die Bedingtheit seines Handelns durch äussere Umstände, durch vorhergehende Erlebnisse, durch vorbestehende Lernerfahrungen oder Charaktereigenschaften wahrnehmen.

Partnerschaften leben geradezu davon, dass beide sich um gegenseitiges Verständnis bemühen – sie leben nur solange, wie beide das tun. Denn wie Sie wissen, kommt es im Zusammenleben von zwei Menschen eben immer wieder zu kleinen und grösseren Verletzungen und Kränkungen. Und die kann ich nur dadurch entschärfen, dass ich mir die Mühe mache, verstehen zu wollen. Das gilt natürlich genauso auch für andere Beziehungen, z. B. zu Arbeitskollegen im Beruf.

Je mehr ich verstehe, desto weniger halte ich das, was mir da passiert ist, für ein Unrecht, das mir bösartig zugefügt wurde, und desto näher bin ich an der Vergebung. Aber dieser Weg erfordert auch Arbeit. Ich muss verstehen wollen. Und manchmal muss ich auch im Nachhinein noch einmal eine Situation ansprechen, in der ich mich ungerecht behandelt fühlte.

Zweiter Weg der Vergebung: Relativierung

Relativierung meint, dass ich ein Unrecht, das mir zugefügt wurde, vergleiche mit Unrecht, das ich selbst schon getan habe. Dabei kann es dann sein, dass ich merke, ich habe mir in diesem Punkt schon mehr geleistet. Und das wird Auswirkungen auf meine Beurteilung des anderen haben.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Kollegin, die zu allen dienstlichen Besprechungen zu spät kommt. Mal 5, mal 10 Minuten. Sie könnten sich ja drüber aufregen. Es muss doch möglich sein, einmal pünktlich zu sein!

Nun würde es Ihnen aber passieren, dass Sie sich zu einer solchen Konferenz, die Sie auch noch leiten sollen, dummerweise total verspäten und dann feststellen, dass Sie auch noch ihre Unterlagen vergessen haben. Alles sehr peinlich. Sie wären am nächsten Tag sicher geradezu dankbar, wenn wenigstens diese Kollegin wieder durch Zuspätkommen auffallen würde.

Aus der Selbstgerechtigkeit gerüttelt

Allerdings: mit jedem Mal, wo Sie wieder pünktlich waren, werden Sie auch wieder ein bisschen strenger. Wir Menschen können nur dann richtig gut relativieren, wenn wir gerade frisch aus unserer Selbstgerechtigkeit aufgerüttelt wurden. Schon nach kurzer Zeit, wo wir erfolgreich waren, sind wir wieder drin und legen anderen die Beurteilungslatte entsprechend hoch. Das Thema der Relativierung gewinnt allerdings erst seine ganze Tragweite, wenn man es in einen spirituellen Rahmen stellt.

Wer leicht vergisst, was ihm vergeben ist…

Jesus macht das am Gleichnis vom Gutsverwalter in Matthäus 18 deutlich. Diesem war gerade frisch eine Riesenschuld erlassen worden, die er nie hätte bezahlen können. Trotzdem bringt er kurz danach einen Mitarbeiter ins Gefängnis, der ihm eine kleine Summe nicht zurückgeben kann. Offensichtlich verbucht er beide Schuldbeträge auf völlig unterschiedlichen Ebenen. Hier gerade noch in massiver Existenzangst, und dort schon wieder selbstgerecht.

Jesus zielt mit diesem Gleichnis auf unsere Lebensschuld, auf alles, was Menschen sich von Gott vergeben lassen möchten. Und er empfiehlt dringend, das als Schablone zu nehmen, vor der wir uns angetane Schuld beurteilen. Unsere eigene Lebensschuld bietet ungeahntes Relativierungspotential. Der Witz ist ja: wenn wir darauf hören und Vergebung gelingt, geht es uns anschliessend besser. Das Problem ist nur, dass unser narzisstisches System oft anders funktioniert: nämlich über Selbstaufwertung durch Verachtung des anderen. Wo ein Mensch relativiert, überwindet er diesen archaischen Mechanismus.

Die Methode der Relativierung ergänzt sich übrigens sehr gut mit der des Verstehens (hier mit dem obenstehenden Artikel verlinken). Wer diese Wege beide nutzen kann, wird in einer Freundschaft und einer Ehe gut zurechtkommen.

Allerdings gibt es im Leben jedes Menschen früher oder später auch Situationen, wo auf diesen beiden Wegen Vergebung nicht zu erreichen ist, weil die Verletzung zu tief geht.

Da ist ein dritter Weg der Vergebung zu beschreiten:

Dritter Weg der Vergebung: Delegation

Es gibt Verletzungen, die so tief gehen, dass wir uns nicht aussuchen können, wie wir damit umgehen wollen. Verletzungen, die in so tiefe Schichten unserer Seele eingedrungen sind, dass wir immer nur einen Teil auf der bewussten Ebene erwischen, mit dem wir umgehen können und immer wieder neu dem ausgeliefert sind, das zu späteren Zeitpunkten Stück um Stück hochgespült wird.

Gerade in Zeiten, wo es nicht viele Ablenkungen und Aussenreize gibt, kommt die traumatisierende Situation immer wieder hoch, immer wieder verwickelt sich der Betroffene in hass- oder auch schamerfüllte Gedanken.

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Wenn ‚vergeben’ einfach nicht funktioniert

Und da hilft auch nicht der Wunsch, zu vergeben, zu verstehen, zu relativieren. Oft wird in christlichen Kreisen dann zwar trotzdem „vergeben“ – aber das nützt nichts. Viele Menschen sind voll mit altem Groll – und immer wieder, oft durch kleine Erinnerungsanreize, sind sie hilflos ihren Grübeleien ausgeliefert.

Dabei geht es ganz offensichtlich nicht darum, wie schlimm die Verletzung „objektiv“ war. Das Entscheidende scheint zu sein, auf welche psychischen Strukturen ein Trauma trifft, also dass mit bestimmten psychischen Strukturen wiederum bestimmte Traumen kaum zu verarbeiten sind.

Im Trauma gefangen

Was auch gesagt werden soll: es gibt Verletzungen, mit denen überhaupt kaum ein Mensch umgehen kann. Stellen Sie sich einmal vor, wie es jemandem gefühlsmässig gehen wird, dessen Eltern in der Nazizeit im KZ umgekommen sieht, und der jetzt den ehemaligen Nachbarn wiedertrifft, der sie damals der Gestapo denunziert hat. Oder denken Sie an die vielen z. T. brutal sexuell traumatisierten Menschen auf unseren Stationen.

Sie verstehen, dass es da kaum möglich ist, über Verstehen etwas zu erreichen oder über Relativierung. Zumal immer noch neue abstossende und belastende Erinnerungen zu Tage kommen.

Ausweg: Abgeben an eine übergeordnete Instanz

In diesen Fällen gibt es eine dritte Möglichkeit, wie Menschen mit Unrecht, umgehen können, das ihnen angetan wurde. Es ist die Delegation der ganzen Rechtssache des Opfers an eine übergeordnete Instanz.

Das könnte z. B. ein staatliches Gericht sein. Ich könnte ja jemanden anzeigen.

Aber nur in den seltensten Fällen schwerer seelischer Verletzungen ist hier etwas zu erreichen. Wiedergutmachung ist eigentlich nur auf materieller Ebene möglich; ein gestohlener Betrag kann zurückgegeben werden. Seelische Verletzungen sind auf diesem Wege nicht wieder gut zu machen. Manchmal kommt es gar nicht zum Prozess, weil Verjährungsfristen schon abgelaufen sind oder Beweise fehlen.

Enttäuschung im Gerichtssaal

Wenn es zu einer Verhandlung kommt, ist die Hauptzielsetzung moderner Rechtsprechung nicht Sühne, nicht Vergeltung, sondern eine gewisse Abschreckung, verbunden mit einer Reintegration des Täters (z.B. zwei Jahre auf Bewährung). Das ist volkswirtschaftlich gesehen auch das Vernünftigste, aber es ist nicht das, womit ein Opfer etwas anfangen kann, nicht das, was ein Opfer als vollzogene Gerechtigkeit und geschehenen Ausgleich empfindet. Auch wenn es in einem Rechtsstaat nicht anders möglich ist.

So erschoss ja einmal eine Mutter im Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter, weil sie die vorgesehene Strafe aus ihrem Gefühl heraus als absolut unzureichend ansehen musste.

Die Rache an Gott abgeben…

Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit der Delegation an eine höhere Instanz, die Menschen auf spiritueller Ebene zur Verfügung steht. Im Römerbrief der Bibel (12,19) wird uns die Möglichkeit vorgeschlagen, die Rache an Gott abzugeben: „Rächt euch nicht selbst, meine Freunde, sondern gebt Raum dem Zorn (Gottes); denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr’.“

Hier liegt eine wirkliche Möglichkeit für ein Opfer, wenn ihm der Weg des Glaubens offen steht. Ich meine das so: Bei einer schweren Verletzung kommen immer wieder Erinnerungen und Bilder aus den Tiefenschichten der Seele hoch, bis wo das traumatisierende Werkzeug eingedrungen ist. Damit verbunden dann Gefühle wie hilflose Wut und Hass.

Vergebung kann auf diesem Hintergrund nicht heissen: den Täter wieder mögen und lieb haben, sich über sein Wesen freuen – es sei denn ein Wunder geschieht. Eine vollständige Versöhnung ist oft lebenslang nicht möglich.

…und bewusst auf Vergeltung verzichten

Was ein Opfer in dieser Situation mit Gottes Hilfe aber kann – und das haben schon viele als etwas äusserst Heilsames erlebt – ist etwa Folgendes zu sagen:

„Der Täter hat eine schwere Strafe als Sühne für seine Tat verdient. Dazu stehe ich auch als Christ, weil es in der Bibel steht. Weil ich aber an Gott glaube, glaube ich auch, dass die wahre und tiefste Gerechtigkeit bei ihm ist. Ich verzichte darum darauf, mich in Worten, Gedanken und Taten zu rächen und dabei zwangsläufig neues Unrecht zu tun, sondern gebe die Rache an Gott ab, der sagt, dass sie seine Sache ist.

Den Schuldschein, den ich habe, und der mir schon so viele schlaflose Nächte, Hassgedanken und Grübeleien eingebracht hat, will ich nicht mehr haben. Ich will ihn ein für allemal an Gott abgeben.“

Das ist auch Vergebung! Ich vergebe den Schuldschein an Gott.

Die Kette des Hasses zerbrechen

Es geht überhaupt nicht darum, dass ein Opfer den Täter gerne hat, sich freut, wenn es ihn sieht oder so etwas. Das ist in vielen Fällen einfach nicht möglich, bzw. wäre ein schlimmer Selbstbetrug, wenn trotzdem so getan wird. Es geht aber darum, dass endlich die negative Verbindung gekappt ist, die die ganze Zeit, oft Jahre, zwischen Opfer und Täter bestand. Hass ist eine sehr feste Kette seelischer Verbindung. Solange ein Mensch hasst, ist er nicht frei für ein eigenes Leben. Seine kreativen Kräfte, die er so nötig brauchen würde, sind immer noch gebunden.

Frei werden für Neues

Ja, es ist ein Vertrauensschritt, Gottes Gerechtigkeit diese Rechtssache hinzulegen und nicht mehr zu meinen, sich selber darum kümmern zu müssen. Aber ein Mensch, der das tut, hat auf einmal die Hände frei, um sein Leben ganz neu anzufassen, und sich darauf zu konzentrieren, dass etwas Gutes daraus wird.

Und immer, wenn die alten negativen Gefühle wieder kommen – das tun sie allerdings mit Sicherheit – kann ich mich darauf berufen, dass ich die Rache abgegeben habe und das gegebenenfalls auch für dieses Stück Erinnerung tun, das mir da gerade wieder hochgekommen ist. Im Bild gesprochen: wenn mir der Schuldschein doch mal wieder zwischen die Finger flattert, lege ich ihn umgehend auf Gottes Schreibtisch zur weiteren Bearbeitung.

‚Rache abgeben’ als Wende im Leben

Das erstmalige „Rache-Abgeben“ an Gott kann ein entscheidender Wendepunkt im Leben eines Menschen sein. Vielen hilft es, wenn sie einen Menschen, dem sie vertrauen, als Zeugen mit hinzunehmen. Z.B. einen Seelsorger.

Die Rache abzugeben kann etwas sehr, sehr Entlastendes sein. Ein Mensch ist endlich aus dem Sumpf der immer auch selbstquälerischen Hassgedanken heraus.

Sich selbst besser verstehen lernen

Manchmal geschieht es dann doch noch, dass wir im Laufe unseres Lebens noch mehr von unserer eigenen Schuld verstehen und vom Ausmass unserer eigenen Erlösungsbedürftigkeit. Manchmal wird uns bei einer schweren Verletzung, die wir erfahren haben, nach vielen Jahren klar, dass es daran auch etwas zu verstehen oder zu relativieren gibt. Aber das ist dann ein Stück Gnade, das sich nicht einklagen lässt.

Vergebung ist ein Prozess, der sehr lange dauern kann. Und trotzdem brauchen wir da, wo Vergangenes uns belastet, nicht zum x-ten Mal hilflos dabei zuzusehen, wie negative Gedanken sich bei uns breit machen, unser Denken ausfüllen und uns Lebenszeit stehlen. Wir dürfen diejenigen Wege der Vergebung beschreiben, die uns jetzt schon offen stehen.

Das eigentlich Hilfreiche an den Wegen der Vergebung ist, dass sie ermöglichen, alte und destruktive Geschichten loszulassen. Wo Menschen das tun, werden ihre Hände wieder frei für konstruktive Lebensgestaltung.

Mehr zum Thema:
Weihnachten – trotzdem!

Buch zum Thema Schuld und Schuldgefühle, Rache und Rachewünsche
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Lebenskunst Vergebung – Befreiender Umgang mit Verletzungen
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Weitere Bücher von Dr. Martin Grabe im Francke-Verlag:
Die Alltagsfalle
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*Der Text ist eine leicht bearbeitete Version des Vortrags „Wege der Vergebung“, den Dr. Martin Grabe, Chefarzt für Psychotherapie der Klinik Hohe Mark in Oberursel (Taunus), am 17. September 2005 in der SGM-Klinik in Langenthal gehalten hat.

Autor: Dr. Martin Grabe ist Chefarzt der Abteilung Psychotherapie der Klinik Hohe Mark in Oberursel (Taunus).


Quelle: Jesus.ch

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