Heiligabend auf der Reeperbahn

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Am 24. Dezember wird jedes Jahr vom Heilsarmee-Korps St. Pauli die "Offene Tür" angeboten. Diese Feier steht jedem der einsam ist offen. Rüdiger Jope berichtet von dieser eindrücklichen und besonderen Weihnachtsfeier, die er in in Hamburg erleben durfte.

Die Reeperbahn lag fast menschenleer da. Das Glitzern und Flimmern der Reklame fiel inzwischen gar nicht mehr auf. Mit ein paar andern Leuten vom Missionsteam bog ich, Rüdiger Jope, in die Talstrasse ein. Wir wollten bei der "Offenen Tür" der Heilsarmee mithelfen. Ich war gespannt, wie es wohl werden würde, das erste Weihnachtsfest, das ich nicht Zuhause im Kreis der Familie verbrachte?". Es herrschte gespannte Ruhe. Dann setzten wir uns mit den andern Mitarbeitern und den Offizieren der Heilsarmee zusammen und beteten für den Abend.

Durch den festlich geschmückten Saal zog ein Duft von Weihnachtsgebäck und Kuchen. Pünktlich um 19 Uhr wurden die Türen geöffnet. Davor stand ein Knäuel bunt gemischter Menschen aller Altersstufen. Leute mit erwartungsvollen Gesichtern drängten sich hinein. Es wurden immer mehr: 98, 99 100 ...108. Dann mussten sie schliessen- aller Platz war weg. Bitter für die, die an Heiligabend vor der Tür stehen mussten. Ich fühlte mich elend und hilflos. Die Offiziere begrüssten nun alle herzlich zur "Geburtstagsparty des Herrn". Es wurden Weihnachtslieder angestimmt und die Leute im Saal sangen aus voller Brust mit.

Elend, einsam und heimatlos

Zwanzig Weihnachtsfeiern liegen mittlerweile schon hinter mir, aber so gerührt vor Freude und Verlegenheit, war ich noch nie. Beim Anblick der vielen Gesichter musste ich unwillkürlich an die Hirten auf dem Feld denken. In vielen Gesichtern spiegelte sich ein ganzes Leben wieder. Gesichter mit tiefen Narben, von Alkohol gezeichnet. Gesichter aus denen man die Einsamkeit herauslas. Menschen, die keiner mehr haben wollte, ohne Heimat. Die wenigstens am Heiligen Abend einmal auftanken wollten.

Langsam begann ich zu verstehen, warum die Hirten auf dem Feld die ersten waren, die die freudige Botschaft hörten. Jesus kam nicht in einer pompösen Kirche zur Welt, sondern in einem elenden Stall, in einem Futtertrog. Seine ersten Besucher waren die Hirten.

Und es war Weihnachten

Das Essen ging weg wie nichts. Dankbarkeit machte sich breit. Nun, da alle Mägen gefüllt waren und er Kaffee dampfend auf dem Tisch stand, begann das eigentliche Programm. Wir erzählten kurze Geschichten und trugen Gedichte vor. Kapitän Roehlen predigte über das Kommen unseres Heilands, über den Augenblick, der die Weltgeschichte verändert hat und von der Hoffnung, der lebendigen Hoffnung für uns Menschen. Die sonst üblichen Zwischenrufe und Störungen blieben aus, niemand wagte es, dazwischen zu reden. Alles verlief in einer so ruhigen und friedlichen Atmosphäre, dass es direkt unheimlich wirkte. Menschen, die ein Leben lang auf der Suche waren, wurden vor Gott still. Ihre Tränen drückten aus, wonach sie sich sehnten: Frieden und Geborgenheit.

Eine Begegnung

Eine halbe Stunde später standen fünf von uns mit Geige und Gitarre auf der Reeperbahn. Wir sangen Weihnachtslieder mitten in St. Pauli, wo so viel menschliches Elend Zuhause ist. Wir zogen an den Sexshops vorbei, an der Herbertstrasse, an Kabaretts und Bars. Ein beglücktes, tief ergriffenes Gefühl machte sich in mir breit. Ich war dankbar dafür, dass ich diese frohe Botschaft den Einsamen und Elenden bringen durfte.

Neben der S-Bahn-Station "Reeperbahn" standen neun Männer. Wir hatten Obst, Bananen und Kuchen dabei. Einer von ihnen kam auf uns zu und fragte ironisch: "Na, wollt ihr mir das alles schenken?". "Ja, das ist alles für dich und deine Kumpels", entgegneten wir. Das konnten diese kaum fassen und bekamen grosse Augen. So dankbare Menschen habe ich noch nie gesehen. Sie fielen uns um den Hals wie kleine Kinder.

Als ich spät abends im Bett lag und über das Geschehene nachdachte, stand für mich fest: Es war mein schönstes Weihnachtsfest bisher. Ich war glücklich und so reich beschenkt worden, dadurch, dass ich anderen Menschen einen Freude machen konnte und ihnen von Jesus erzählen durfte.

Autor: Rüdiger Jope


Quelle: Chrischona Magazin

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