"Das brauch ich nicht noch einmal"

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Bahnhof Aarau, Quelle: Sonotec Schallschutz
Bahnhof Aarau, abends um halb acht an einem Dienstagabend im November. Die Adventszeit hat noch nicht begonnen. Aber die Erinnerung an die letzte ist noch wach, schmerzlich wach offenbar.

Ich sitze auf einer Bank nahe dem Billettschalter. Fünf Meter und eine Welt weiter haben sich drei Männer niedergelassen. Ihre Kittel waren vor zwanzig Jahren sicherlich modisch; ihre gefüllten Plastiktaschen zeichnen schweren gläsernen Inhalt ab. Stadtstreicher würde man sie nennen, wollte man ihnen ein Etikett geben. Zu sagen haben sie einander anscheinend nicht viel, nicht mehr jedenfalls. Sie sitzen einfach zusammen; Hauptsache, man ist nicht allein. Nach einiger Zeit tritt eine Frau zu ihnen, etwa dasselbe Alter, so um die fünfzig. Wo man gut übernachten könne wird diskutiert und dass sie den Peter schon lange nicht mehr gesehen habe. Ob die andern wüssten, wo er sich aufhalte.

Dann kommt die Frau auf den Advent zu sprechen und auf die Weihnachtszeit und auf Einladungen und Mittagstische, die in dieser Zeit angeboten würden. Ja, letztes Jahr, da sei sie zu so einem Treff gegangen mit einer warmen Mahlzeit. Aber dieses Jahr müsse sie das nicht mehr haben. Zwei oder dreimal habe sie dort mitgemacht, und dann hätten sie noch erzählt, aber das habe sie nicht sonderlich interessiert. Doch, das Essen selber sei gut gewesen, und die Leute nett. "Aber, weisst du, dann treffe ich in der Stadt eine von diesen Frauen wieder ­ und die kennt einen gar nicht mehr! Ja, wenn man bei ihnen ist, dann sind sie nett. Aber draussen, da grüssen sie einen dann nicht einmal. Nein, das brauch ich kein zweites Mal."

Die andern lassen sie erzählen. Ihre Erfahrung ist es offenbar nicht. Es bringt halt jeder das ein, was ihm vorne dran ist, das aber für Schweizer Verhältnisse unanständig klar. Bei dieser Frau war's der Mittagstisch aus dem Advent 2001. Vielleicht ein christlicher, ein besonders gut gemeinter. Auf die "sozial Schwachen", die "Randständigen" wollte man eingehen, ihnen ein paar schöne Stunden bescheren, sie Vertrauen spüren lassen in einer angenehmen Atmosphäre. Und dann das! Ja, war es denn wirklich nur um "Atmosphäre", nur ums "Spürenlassen" gegangen? Sollten nicht Überzeugung und Anliegen dahintergestanden sein, keine echte Bereitschaft, sich auf diese Menschen aus einer anderen Welt wirklich einzulassen? War es um eine "gelungene Veranstaltung" gegangen und gar nicht so sehr um diese Frau auf der Suche nach einer Herberge?


Quelle: Livenet.ch

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