Ein Meisterwerk

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Ein Künstler beschloss ein Bild zu malen. Es sollte ein ganz besonderes einmaliges Gemälde werden. Sorgfältig spannte er seine Leinwand auf und tauchte seine Pinsel in die Töpfe und mischte auf seiner Palette Farben, die vorher noch nie jemand gesehen hatte. Ganze 6 Tage arbeitete er an seinem Kunstwerk.

Am Samstagabend, kurz bevor er seinen letzten Pinsel reinigen und weglegen wollte, schaute er noch einmal auf das Bild. "Irgend etwas fehlt da noch?" Der Himmel leuchtete zwar himmlisch blau, die Seen schimmerten glasklar und die Sonne schien glutrot, doch irgendwie war trotzdem alles wie tot. Darauf beschloss der Meister seinem Kunstwerk Leben zu verleihen und er blies auf das Bild. Und siehe da... Am Himmel bildeten sich Wolken, die Seen wurden von Wellen aufgewühlt und die Sonne verzauberte die ganze Welt mit ihrem Farbenspiel. Wenn man genau hinschaute, konnte man sogar Menschen erkennen, die sich freuten und Gott lobten.

Zufrieden verlies der Maler sein Atelier. Am 7. Tage ruhte er sich von den Strapazen der vergangenen Woche aus. Er hatte aber eine solche Freude an seinem Kunstwerk, dass er seinen grossen Lehnstuhl in das Atelier stellte und den ganzen Sonntag vor dem Bild verbrachte es anschaute und zufrieden lächelte. Glücklich ging er am Abend zu Bett.

Am nächsten Morgen stand er schon sehr früh auf. Es hatte sich bereits jemand angemeldet, der seine Schöpfung anschauen wollte. Doch als er das Licht in seinem Atelier einschaltete, traute er seinen Augen kaum. Nein, es waren keine Spinnweben vor der Lampe. Das Türschloss war intakt, niemand war über Nacht eingedrungen... und trotzdem war etwas passiert...

Sein Kunstwerk war über und über mit Rissen übersäht. Manche waren ganz klein und andere reichten vom einen Ende der Leinwand bis zur anderen. An ein paar Stellen blätterte sogar die Farbe ein wenig ab. Sprachlos starrte der Maler auf sein Bild. Die Farben hatten ihren Glanz verloren, der Himmel war jetzt grau verhangen, die Seen lagen dunkel und bedrohlich da und die Sonne hat sich hinter den Horizont zurückgezogen. Doch das Schlimmste... das Bild hatte seine Einheit verloren. Es glich mehr einem Scherbenhaufen als einem einmaligen Kunstwerk.

Lange überlegte der Künstler, wie er sein Bild retten könnte. Dann - nach einiger Zeit stand er auf und ging zu seinen Farbtöpfen. Er griff nach einer ganz kleinen Büchse. Es gab nur eine davon, und die war sehr teuer gewesen. Sie kostete mehr als alle anderen Töpfe zusammen.. Diese Farbe wollte er für etwas ganz besonderes aufheben. Trotzdem beschloss er die Büchse zu öffnen. Er stellte sich vor das zerbrochene Bild und malte mit einem ganz feinen Pinsel ein Kreuz in die Mitte seines Kunstwerkes. Er vollendete das Kreuz mit dem letzten Tropfen Farbe. Nachdenklich verlies er sein Atelier.

Als er am nächsten Morgen wieder vor seinem Bild stand, war etwas eigenartiges geschehen - rund um das Kreuz in der Mitte fingen die einzelnen Teile an, sich wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Manche Splitter waren durch den Zerriss ziemlich verformt worden - aber sie blieben nicht starr sondern veränderten sich, um sich der Einheit anzuschliessen.

In Gedanken versunken steht der Künstler vor seinem Bild und schaut zu, wie es langsam, Schritt für Schritt wieder zu einem Ganzen zusammenwächst. Er freut sich über jedes Teil, jeden Splitter, der wieder in die Einheit eingefügt wird. Gemalt hat er seitdem nicht mehr - aber er steht jeden Augenblick vor seinem Kunstwerk und freut sich auf den Tag, wenn sein Bild wieder vollkommen ist.

Markus Gehring


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