Der Nebel und das grosse Licht – ein Adventsmärchen

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In Grisanien herrschte der Nebel. Er herrschte seit Urzeiten. Von Sonne wussten die Grisanier nichts. Das Wort selbst war ihnen fremd. Sie kannten bloss das diffuse Dämmerlicht, das die Nacht unterbrach. Grisanien war von Bergen umgeben; niemand kam auf den Gedanken, in den Nebel hineinzusteigen.

Der Nebel herrschte. Die Grisanier hatten sich gut darin eingerichtet. Ihr Längenmass war die Sichtweite im Nebel, ein knapper Steinwurf. Farben kannten sie nicht, aber für das Grau der Gegenstände im Nebel hatten sie mindestens 28 Wörter.

Gelffand gehörte zu den begabtesten Wortschöpfern Grisaniens. Durch seine Erfindungsgabe konnte nun zwischen dem Schaffell im Kerzenlicht und dem Schaffell im Licht einer Gaslampe unterschieden werden.

Eines Nachts hatte Gelffand einen Traum. Er stand auf der Gasse – und erschrak. Es war keine Kerze, keine Lampe. Ein viel stärkeres Licht sah er, ein Licht, das ihn blendete, eine Scheibe, die grelle Strahlen aussandte. Dadurch gewann alles um ihn herum scharfe Umrisse. Gelffand konnte plötzlich drei Steinwürfe weit sehen. Nein, noch weiter: fünf Steinwürfe. Das Licht tat weh. Ihm wurde fast schwindlig. Er hielt die linke Hand vor die Augen – und erwachte.

Als Gelffand seinen Freunden vom Traum erzählte, schüttelten sie aus Unverständnis die Hände vor ihrem Gesicht. Sie machten ihn unsicher. Hatte er wirklich von dieser Scheibe geträumt, die ihn die Dinge ganz anders sehen liess? Wenn nicht, woher sonst wusste er davon?

Wie er dem inneren Bild nachsann, überkam ihn Erregung. Wo war dieses Licht zu finden? Unter der Erde? Unmöglich. Schon in seinem Keller sah er nichts ohne die Kerze. Licht musste über dem Boden zu finden sein. Vielleicht gar höher? Gelffand grübelte.

Ausserhalb des Dorfs! Er fasste einen Entschluss. Als er sich gute Schuhe beschaffte, fragte ihn der Verkäufer nach seinem Ziel. Gelffand murmelte etwas vom grossen Licht, das er suchen wolle. Der Verkäufer hob die Hände vors Gesicht. (Die Grisanier pflegen die fünf oder acht nächsten Büsche abzuschreiten, bevor sie sich wieder in ihre drei Wände zurückziehen.)

Mit zwei Äpfeln und einer grossen Scheibe Brot in der Jackentasche trat er aus dem Haus. Um den Wächter am Dorfrand machte er einen Bogen. Zwei Steinwürfe weiter endete der Weg. Das hoch wachsende Gras glitt durch seine Finger. Büsche und Steine machten das Weiterkommen mühsam. Das Gelände wurde steiler. Gelffand machte Halt, um Luft zu holen. Rundum graue Stille.

Gelffand blickte sich um, blickte nach oben. Täuschte er sich? Er nahm ein Grau wahr, für das er noch kein Wort wusste. Irgendwie heller, feiner als das gewohnte. Kam er dem grossen Licht näher? Gelffand stieg weiter – im Gelände, das vor ihm kein Grisanier beschritten hatte. Er würde nicht umkehren, bis er wusste, ob es die Scheibe gab…

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Autor: Peter Schmid
Quelle: Jesus.ch

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