Schöne Bescherung

Wie man weiss, ist der Höhenpunkt des Heiligen Abends die Bescherung. Der Zeitpunkt, wann sie stattfindet, kann variieren. Sie kann stattfinden vor der Weihnachtsansprache des bayerischen Ministerpräsidenten oder auch nachher, das wäre dann vor der Rede des Bundeskanzlers und der des Bundespräsidenten. Manche Menschen bescheren erst, nachdem sie alle Reden zu sich genommen haben und der wahre Weihnachtsfrieden dann echt eingekehrt ist. Für ein Kind ist besagter Zeitpunkt Weichen stellend, und gar schicksalhaft kann sich die Dramaturgie eines Heiligen Abends auf das individuelle Glück eines solchen auswirken.
Ich wohnte im dritten Stock, und unter mir im zweiten - genau unter mir - wohnte mein Kindkollege Herbert K.

Unwiderruflich war es Heiliger Abend geworden. Durch die Zimmerdecke des Altbaus drangen die Entzückensschreie meines Spezies. Es wurde beschert.

"Ja hört das denn gar nicht mehr auf!", dachte ich gequält und vergass fast, dass ich selber ja die Bescherung noch vor mir hatte. Mich überfiel eine abgesicherte Ahnung, dass dieses Fest so ablaufen würde wie jedes Jahr, und ich fing an zu schwitzen. Kaum waren die Freudenschreie unten versickert, ging`s bei mir oben los. Nur, fürchte ich, nicht so lang.
Der Baum brennt. Ich selbst, im Taumel der Beschorenheit, zähle noch mal die Leistungen des Christkinds nach - da klingelt`s auch schon an der Türe. Ich zucke zusammen, atme durch und öffne. Unvermeidlich wie eine Naturkatastrophe steht er vor mir, der Herbert K., mit strengem, prüfendem Blick, einen Notizblock und einen Bleistift in der Hand.

"Und?", fragt er. "Wie schaut`s aus heuer?"

"Äh...sehr gut!", antworte ich windelweich. "Doch...ziemlich gut!"

"Na ja, dann schaun mer amal!", sagt er und betritt wie ein Gerichtsvollzieher unser Weihnachtszimmer. Ich reihe alle Präsente auf, lüfte auf Wunsch manche Verpackung, um eine realistische Preisvorstellung zu ermöglichen.
Herbert K. notiert.

"Da hab ich noch eine Weiche für die Eisbahn!", sage ich mit enger Stimme.

"Die hab ich schon!", kommt die trockene Antwort. "Ist das alles?"

"Na ja, ist doch nicht schlecht, oder?", höre ich mich, verzweifelt Zustimmung heischend, sagen. Doch Herbert K. rechnet bereits, flink wie in der Schule.

"Einundsechzigmarkfünfzig! Viel mehr wie voriges Jahr ist es auch nicht!", konstatiert er.

Ich weiss, dass er Recht hat. Besondere ökonomische Kausalitäten meiner Familie haben sich heuer folgenschwer fürs Christkind ausgewirkt.

"So, jetzt gehma nunta!", fordert Herbert. Stumm folge ich in den zweiten Stock. Schweren Herzens betrete ich den festlichen Raum. Die Präsente sind Pyramidenartig aufgetürmt. Wortlos drückt mir mein Freund das bereits vorbereitete Notizblatt in die Hand.

"Du kannst alles nachkontrollieren! Zweihundertzehnmark gradaus!"

"Nein, nein ich glaub`s schon!", winke ich ab. Da erhellt ein Hoffnungsstrahl meine Gedanken.

"Du, ich hab`s fast vergessen! Ich krieg noch fünfzig Mark von einem Onkel, wenn er kommt!"

Unerbittlich werde ich abgeschmettert. "Was nicht unterm Baum liegt, wird nicht berechnet!"

Da hatte ich die Bescherung. Im Radio beendete der Ministerpräsident gerade seine Ansprache und wünschte allen - auch den Kindern - fröhliche Weihnachten. Bis zum nächsten Jahr.

Gerhard Polt, geboren am 7.5.1942 in München, aufgewachsen im Wallfahrtsort Altötting, studierte in Göteborg und München. Der Skandinavist und Sänger lebt heute in Schliersee (Deutschland). Die obige Geschichte wurde entnommen aus ‚Im Schatten der Gans', ã 1995 by Haffmans Verlag AG, Zürich.


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