Wie die Urkirche Ostern feierte

Das Leben frommer Juden ist bis heute von drei großen Festen geprägt: von Passah, dem Wochenfest und dem Laubhüttenfest. Sie werden im Alten Testament ausführlich beschrieben und sind in der Überlieferung reich ausgestaltet worden.

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An Passah im März oder April denkt man an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten (1. Mose 12). Fünfzig Tage nach Passah folgt das Wochenfest, in dessen Mittelpunkt der Bundesschluß am Sinai steht. Das Laubhüttenfest im Herbst soll an die Bewahrung Israels in der Wüste erinnern. Zwei dieser Feste hat das Christentum übernommen, teilweise sogar unter demselben Namen. Pfingsten kommt vom griechischen Wort Pentekoste, was der "fünfzigste (Tag nach Ostern)" bedeutet. Ostern heißt auf Italienisch Pasqua und auf Französisch Paques, beides kommt vom hebräischen "Passah" (Vorübergang/ Hindurchgang). Das deutsche Wort "Ostern" kommt wahrscheinlich von "Osten". Ostern wird immer nach dem ersten Frühjahrs-Vollmond gefeiert. Zur Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche geht die Sonne genau im Osten auf. Ausgehend von der "Sonne der Gerechtigkeit" beim Propheten Maleachi (3,2) wurde die Sonne im frühen Judentum und Christentum ein messianisches Symbol.

Hinter dem alttestamentlichen Festkalender steht göttliche Weisheit. Man kann sich die großen Ereignisse der Heilsgeschichte besser vergegenwärtigen, wenn man sie nicht alle an einem Tag, sondern über das Jahr verteilt feiert.

Als einziges Fest wurde das Laubhüttenfest nicht von den Christen übernommen. Ein Grund dafür lag wahrscheinlich in der engen Verbindung dieser Festwoche zum Großen Versöhnungstag (Jom Kippur). Schon für den Hebräerbrief ist Jom Kippur erfüllt durch das Geschehen des Karfreitags und damit abgelöst geworden. Es spricht einiges dafür, daß in der frühen Kirche an die Stelle von Laubhütten das Fest der Erscheinung Christi in dieser Welt trat. Offenbar haben schon Judenchristen an die Geburt Jesu in Verbindung mit dem Tempelweihefest (Chanukka) gedacht, das Ende November oder im Dezember gefeiert wird. Zur Zeit des Neuen Testaments waren die jüdischen Feste von starker Endzeiterwartung geprägt. Besonders galt das für Passah. Der letzte Becher des jüdischen Passahmahles wird heute noch für Elia als den Vorläufer des Messias bereitgehalten. Säkularisierte Juden feiern Passah vor allem als Fest politischer Befreiung.

Um gegen jüdische Freiheitshoffnungen die Stärke Roms zu demonstrieren, begab sich der Statthalter Pontius Pilatus immer zum Passahfest nach Jerusalem. Inmitten von messianisch-politischer Hochspannung hat Jesus im engsten Jüngerkreis sein letztes Passahmahl gefeiert. Jesus wurde am Tag vor einem Sabbat gekreuzigt, der gleichzeitig der erste Tag des Passahfestes war (Johannes 19,31). Nimmt man sämtliche Hinweise zusammen, so spricht alle historische Wahrscheinlichkeit für die Hinrichtung Jesu am 14. Nisan des Jahres 30, nach unserem Kalender war es der 7. April. Schwerer ist der Tag des letzten Mahles zu bestimmen, denn Jesus hat es nicht am offiziellen Termin des 15. Nisan gefeiert. Möglich wäre, daß Jesus das Mahl bewußt um einen Tag vorausnahm (Gründonnerstag). Bei einer Feier ohne Lamm hätte er auf sich als das wahre Passahlamm hingewiesen, das in Kürze für die Schuld aller Menschen geopfert wird. Es gibt aber auch eine alte judenchristliche Überlieferung, nach der Jesus das letzte Mahl in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch feierte. Erst durch die Schriftrollenfunde von Qumran wissen wir: Das ist genau der Termin, an dem die Essener, aber auch andere jüdische Gruppen immer Passah begingen. Dabei folgten sie einem alten priesterlichen Kalender. Schon am Ausgang des 1. Jahrhunderts fasteten die Judenchristen am Freitag und Mittwoch, um an Kreuzigung und Verhaftung Jesu zu denken.

Besonders der Abendmahlsbericht des Lukas läßt noch etwas von der messianischen Hochspannung jener schicksalhaften Passahnacht spüren. Während Jesus in Andeutungen über seinen Tod redete, verteilten die Jünger die Machtpositionen in der vollendeten Königsherrschaft Gottes unter sich. Aber bald war ihnen nicht mehr nach Feiern zu Mute, denn während der Nacht im Garten Gethsemane verließ sie der Mut. Die Hinrichtung Jesu war für Feinde und Freunde eine Widerlegung seines messianischen Anspruchs. Ein jüdischer Freiheitskämpfer und Märtyrer kann am Kreuz hängen, nicht aber der Messias. Er macht vielmehr ein Ende mit allen heidnischen Kreuzen. Die Evangelien versuchen nicht, die grenzenlose Enttäuschung der Jüngerschar abzumildern. Die Wende brachte erst der Morgen des ersten jüdischen Wochentages, nach unserer Zählung der Sonntag (Markus 16,1ff). Maria Magdalena und andere Anhängerinnen Jesu gingen zum Grab in der Nähe der Nordwestmauer von Jerusalem und fanden es leer. Der Gekreuzigte erschien ihnen und bald auch dem Petrus als der Lebendige (Lukas 24,34). .

Gott beginnt die Neuschöpfung am ersten Tag der Woche.

Das Johannesevangelium hat die Erinnerung daran bewahrt, daß eine andere wichtige Erscheinung Jesu im Jüngerkreis eine Woche später wieder an einem Sonntag stattfand (Johannes 20,26ff). Für die ersten Christen war es von tiefer Bedeutung, daß Gott den Gekreuzigten gerade am ersten Tag der jüdischen Woche auferweckt hatte. Wie die erste Schöpfung an einem Sonntag angefangen hatte, so begann Gott jetzt die Neuschöpfung der Welt durch die Auferweckung Jesu von den Toten auch an einem Sonntag. Die Judenchristen hielten zwar weiter den Sabbat als Ruhetag ein. Aber schon sie machten die Nacht von Samstag auf Sonntag, die nach jüdischer Rechnung zum ersten Wochentag zählt, zur besonderen Gottesdienstzeit. Dem judenchristlichen Verfasser der Offenbarung des Johannes wurde seine erste Schauung am "Herrentag" zuteil (Offenbarung 1,10). Das "Herrenmahl" (1. Korinther 11,20) hieß so, weil es der Herr eingesetzt hatte, der "Herrentag", weil an ihm der Herr auferstanden war. Die heidenchristlichen Gemeinden folgten diesem frühen Brauch. Paulus rief die Korinther auf, am ersten Wochentag ihre Kollekte für Jerusalem zusammenzulegen (1. Korinther 16,2), und auf seiner letzten Reise in die Heilige Stadt feierte er in Troas am Sonntag Gottesdienst (Apostelgeschichte 20,7ff).

Gottesdienst: Zeichen erfüllter Verheißungen

Einblick in den Inhalt urchristlicher Gottesdienste gibt uns die Apostelgeschichte 2,42: Zu den Versammlungen der Jerusalemer Gläubigen gehörte die Lehre der Apostel, das mit einem Gemeinschaftsmahl verbundene Brotbrechen und reiche Gebete. Nach Paulus umschließt die Feier des Herrenmahls Vergangenheit und Zukunft, indem man "den Tod des Herrn verkündigte, bis er kommt" (1. Korinther 11,25). Leiden und Sterben Jesu wurden als Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung proklamiert. Und wie Jesus selbst bei seinem letzten Mahl auf die Vollendung der Gottesherrschaft vorausgeschaut hatte (Markus 14,25), so richtete sich jetzt alle Hoffnung auf seine sichtbare Wiederkunft. Deshalb gehörte zum urkirchlichen Herrenmahl der freudige und sehnsüchtige Ruf "Komm, Herr Jesus!". Paulus hat uns sogar überliefert, wie dieses Gebet im Mund der ersten Gemeinde in Jerusalem geklungen hat: Marana'tha! (1. Korinther 16,22). Daß ein am Kreuz Hingerichteter von frommen Juden als himmlischer Herr angerufen wurde, bedeutete eine religionsgeschichtliche Revolution!

Osterjubel und Hoffnung

Ein frühkirchliches Dokument kann uns weiteren Einblick geben, wie man in der Frühzeit im Sonntagsgottesdienst den Ostersieg feierte. Die Didache ist eine Schrift, die aus der syrischen Kirche des frühen 2. Jahrhunderts stammt. Einige ihrer Überlieferungen reichen in die Jerusalemer Gemeinde der ausgehenden apostolischen Zeit zurück. Dazu gehören die Mahlgebete, von denen eins mit den Worten schließt: "Du, allmächtiger Herrscher, hast alles erschaffen um deines Namens willen. Speise und Trank hast du den Menschen zum Genuß gegeben, damit sie dir danken. Uns aber hast du geistliche Speise und Trank gegeben und ewiges Leben durch Jesus, deinen Knecht. Vor allem danken wir dir, daß du mächtig bist. Dir sei Ehre in Ewigkeit. Gedenke, Herr, deiner Gemeinde, daß du sie von allem Bösen erlöst und sie in deiner Liebe vollendest. Und führe sie zusammen von den vier Winden, die dir geheiligt ist, in dein Reich, das du ihr bereitet hast. Denn dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Es komme die Gnade und es vergehe diese Welt! Hosianna dem Gott Davids!" Hier verbindet sich christlicher Osterjubel mit alttestamentlich-jüdischer Hoffnung.

Obwohl in gewisser Weise jeder Sonntagsgottesdienst ein Osterfest war, wurde auch der jährliche Termin nicht vergessen. So forderte Paulus die Korinther auf: "Christus ist als Passah für uns geschlachtet. Darum wollen wir weder im alten Sauerteig noch im Sauerteig der Schlechtigkeit und Bosheit feiern, sondern im ungesäuerten (Brot) der Lauterkeit und Wahrheit!" (1. Korinther 5,7-8). Aus dem Ende des Briefes geht hervor, daß ihn der Apostel in der Osterzeit schrieb (1. Korinther 16,8). Auf seiner letzten Reise nach Jerusalem beeilte sich Paulus, die heilige Stadt noch zu Pfingsten zu erreichen (Apostelgeschichte 20,16). Beim Wochenfest wurden auch die Erstlingsfrüchte dargebracht. Die Kollekte des Apostels aus seinen heidenchristlichen Gemeinden stand stellvertretend für die Heidenchristen, die er als "Erstlinge" seiner Ernte auf dem Missionsfeld in Kleinasien und Griechenland einbrachte. .

Das liturgische Jahr wurzelt im Judentum.

Wie sehr das liturgische Jahr der Christenheit seine Wurzeln im Judentum hat, zeigt sich auch daran, daß man sogar dessen Kalenderprobleme übernahm. Wie beim Passah im Judentum gab es in der Christenheit zwei Berechnungen des Osterfestes. Vor allem die Gemeinden Kleinasiens feierten immer am jüdischen Datum des 14./15. Nisan und riskierten damit, daß Ostern auf andere Wochentage als Sonntag fiel. In Rom und im Westen beging man Ostern in der Nacht auf den Sonntag, der dem jüdischen Passah folgt. Noch am Ende des 2. Jahrhunderts wies Irenäus von Lyon den Versuch des damaligen Bischofs von Rom ab, eine Vereinheitlichung zu erzwingen. Dabei feierte Irenäus selbst zusammen mit den Christengemeinden in Gallien und Germanien nach dem römischen Kalender. Auch heute gibt es in der westlichen und östlichen Christenheit unterschiedliche Osterdaten. Dieses Jahr fallen sie allerdings sogar einmal zusammen und es gibt Bestrebungen, in Zukunft zu einer Gemeinsamkeit zu kommen. Doch gerade die altkirchliche Kontroverse lehrt uns: Verschiedene Ostertermine kann man ertragen, so lange nur der Inhalt der Osterbotschaft derselbe ist: "Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!"

Datum: 24.06.2010
Autor: Rainer Riesner
Quelle: idea Deutschland

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