Israel hofft auf Frieden und bleibt unter Druck

Israel bleibt am Jahresende 2005 bedroht. Nach dem iranischen Präsidenten hat letzte Woche auch der Führer der ägyptischen Muslimbrüder, Mohammed Mahdi Akif, den Holocaust geleugnet. Livenet fragte den Israel-Kenner Hanspeter Obrist, was sich im Nahen Osten auf der politischen und geistlichen Ebene tut.

Livenet: Am 5. Dezember hat sich erneut ein Attentäter in die Luft gesprengt. Wird durch den anhaltenden Terror der Wunsch nach einer Verständigung stärker oder der Wille, die Gewalt mit Gewalt zu stoppen?
Hanspeter Obrist: Der Wunsch nach einem Leben in Frieden ist bei allen Israelis vorhanden. Doch niemand in Israel hat ernstlich mit einem Ende der Gewalt gerechnet. Man hat höchstens darauf gehofft. Durch die Aufgabe der Siedlungen wurde der militärische Aufwand reduziert und Israel hat die Verantwortung für Gaza von sich gewiesen.

Wie schätzen die Israelis den palästinensischen Präsidenten Abbas ein? Womit rechnen sie bei den Wahlen?
In Israel gibt es keine einheitliche Meinung. Viele hoffen, dass Israel mit Abbas weiter verhandeln kann, obwohl seine Politik den Fussspuren Arafats folgt. Andere befürchten, dass radikale Gruppen die Übermacht gewinnen.

Wie ernst nehmen die Israelis die Vernichtungsdrohungen aus Teheran? Was erwartet man von Libanon (Hisbollah) und Syrien?
Die Geschichte hat Israel gelehrt, immer vorsichtig zu sein. Jede Drohung wird ernst genommen. Doch mit der Zeit lernt man auch, damit zu leben. Jeder Tag könnte ja der letzte sein, da man nie weiss, wo ein Attentäter auf der Lauer liegt. Einige Leute treibt dieser dauernde Druck in Drogen und Süchte. Israel würde sich freuen, von den umliegenden Staaten anerkannt zu werden, so dass normale Beziehungen gepflegt werden können.

Die politische Landschaft Israels ist im November umgepflügt worden: Sharon gründete eine Mittepartei, der auch Peres beitrat; dem Likud droht der Zerfall; aus dem Orient stammende Juden gewinnen mehr Einfluss. Wohin driftet die israelische Politik am Jahresende 2005?
Wie sich alles entwickelt, weiss wohl niemand. Die Gefahr besteht, dass die Vielzahl unterschiedlichster Parteien es jeder Regierung schwer macht, eine Mehrheit zu finden, und es so immer schwieriger wird, den Staat zu regieren.

Wie geht es den Gaza-Siedlern, die zurück nach Israel mussten? Wie beschäftigt ihr Los die Menschen in Israel? Hat der Rückzug zu einer Erschütterung des Selbstverständnisses der Israelis geführt – ihre Sicht auf den jüdischen Staat verändert?
Viele leiden mit den Siedlern über deren Verlust. Für viele Siedler ist eine Welt zusammengebrochen. Sie haben bis zuletzt mit einem Eingreifen Gottes gerechnet. Nach wie vor will Israel ein Staat mit einer jüdischen Mehrheit bleiben. In Israel wurde den Menschen bewusst, dass dies nur möglich ist, indem man schmerzhafte Schritte unternimmt.

Hat sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufgetan? Welche sozialen Missstände stellen Sie im Land fest?
Da der Tourismus nach wie vor zögerlich ist, haben viele Arbeitswillige noch keine Vollbeschäftigung. Zugleich wächst die orthodoxe Bevölkerung, die normalerweise keiner bezahlten Arbeit nachgeht und von der Sozialhilfe lebt. Dies führt zu internen Spannungen, die aber schon seit Jahren bestehen.

Was in Israel immer mehr Besorgnis erregt, ist der wachsende Anteil an Gewalttaten und Kriminalität. Auch die grosse Anzahl an ausländischen Schwarzarbeitern bringt neue Probleme. Zwar sind sie in Israel sehr beliebt, doch der Staat möchte sie ausschaffen.

Gliedern sich die aus der GUS Eingewanderten allmählich ein, oder verfestigt sich ihre Szene zur Subkultur?
Die GUS-Einwanderer haben eine eigne Subkultur entwickelt. Als wir kürzlich in Bat Yam Brot einkaufen wollten, verstand die Verkäuferin weder Hebräisch noch Englisch. Will man in einzelnen Banken Geld einbezahlen, sind alle Schalter in Russisch angeschrieben. So muss ein guter Freund von mir als Einheimischer oft nachfragen, was am Schalter angeschrieben ist. In Israel gibt es russische Zeitungen, Radio und Fernsehen. So muss ein Einwanderer nicht unbedingt die Landessprache lernen, was natürlich immer zu Problemen führt.

Wie hat sich Bethlehem im Jahr 2005 entwickelt. Hält die Abwanderung christlicher Palästinenser ungebremst an, oder fühlen sie sich wieder sicherer?
In Bethlehem leiden die Leute immer noch unter dem ausbleibenden oder geringen Tourismus. Deshalb sind viele ausgewandert, die eine Möglichkeit dazu hatten. Das waren vor allem christliche Palästinenser. In der Regel sind sie besser gebildet und können deshalb auch im Ausland Arbeit finden.

Wie entwickeln sich die Versöhnungsbemühungen der Organisation Musalaha? Ziehen sie Kreise, oder sind die Kontakte eine Sache ganz weniger Gläubiger? Gibt es andere Versöhnungsbemühungen auf religiöser Grundlage?
Die Versöhnungsarbeit von Musalaha konnte trotz Intifada ihre Aktivitäten ausbauen. Sie erreicht immer neue Kreise, auch ausserhalb der christlichen und messianischen Bewegung. Viele wünschen sich nach wie vor einen Weg der Verständigung und des gemeinsamen Friedens. Denn beide Völker leben in dieser Region und nur ein Miteinander kann eine echte Zukunft bringen. Daneben engagieren sich auch verschiedene Gemeinden und Werke in der Versöhnungsarbeit.

Dossier:
www.jahreswechsel.livenet.ch

Autor: Hanspeter Obrist ist Leiter der Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel (AmZI). Der eidgenössisch diplomierte Ausbilder und Theologe lebt in Arlesheim.

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Webseite
www.amzi.org

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Bilder: AmZI

Datum: 28.12.2005
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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