Wunder

Wunder sind ein Einbruch der oberen Welt in diese Welt

Wir sprechen von den Wundern der Technik und meinen damit die staunenswerten Leistungen auf diesem Gebiet. Aber so gro­sses Aufsehen sie erregen, sie sind doch nicht im Sinne des Neuen Testaments Wunder zu nennen.

Ein Wunder heisst hier nie, was der Mensch ersann oder was er willkürlich hervorrufen kann. Vielmehr das, worüber der Mensch nicht verfügt, was innerhalb dieser Weltzustände überhaupt nicht möglich ist, sondern was durch einen Einbruch von oben geschieht, heisst im Neuen Testament ein Wunder.

Wunder sind ein Hereinragen des kommenden Äons in diesen

Die Wunder werden oft auch Zeichen genannt (griechisch se­meía), und nicht selten finden wir die Wortverbindung Wunder und Zeichen (Apg. 2,22.43; 5,12; 6,8; 14,3). Zeichen bedeutet dann: Anzeichen der hereinbrechenden Gottesherrschaft.

Die Wunder sind Merkmale dafür, dass irgendwie schon etwas von den künftigen Weltzuständen in diesen Weltlauf hereinragt. In diesem Sinn sind die Wunder eine Bestätigung der göttlichen Sendung Jesu als des Welterneuerers (oder Urhebers des neuen Weltlaufs).

Petrus sagt: »Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen« (als Bringer des neuen Äons, Apg. 2,22). Jesus sagt den Juden: »Diese Werke, die ich tue, bezeugen von mir, dass mich der Vater ge­sandt hat« (Joh. 5,36).

Keineswegs sind die Machtwirkungen Jesu als blosse Beglaubigung seiner Sendung anzusehen, als et­was, was einmal notwendig war und später, nachdem die Kirche entstanden, unnötig geworden wäre. Die Wunder gehören ganz organisch zu der hereinbrechenden Gottesherrschaft.

Es ist be­zeichnend für die Gottesherrschaft, dass der himmlische Vater sich unmittelbar zu den Menschenkindern herabneigt und ih­nen die Mächte des Himmels sendet, um sie zu befreien von dem, was hier in diesen Zuständen als Not und Plage auf ihnen lastet. Bezeichnend in diesem Sinn ist das Wort Jesu: »Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so hat Gottes Königreich euch überrascht« (Luk. 11,20).

In der Got­tesherrschaft kann es einfach nicht geduldet werden, dass gott­entstammte Wesen von Dämonen zur Unkenntlichkeit entstellt werden; die Finsternismächte müssen das Feld räumen. Ebenso ist es mit den Krankheiten.

Wunder sind Tatbeweise dessen, wie nahe dem Schöpfer die Leiden seiner Geschöpfe gehen

Für Jesus ist auch der Leib eine herrliche Schöpfung Gottes (Matth. 6,25); er gehört unveräusserlich zum ganzen Menschen. Ist der Leib siech oder verletzt, so sind auch Seele und Geist schwer bedrängt.

Wir haben Hinweise darauf, wie es Jesus er­griff, wenn er Blinde oder Taubstumme sah oder Menschen, die jahrelang hilflos daliegen mussten, oder Aussätzige mit halb­zerfressenen Gliedmassen. Ebensowenig konnte es ihm gleich­gültig sein, wenn Männer und Frauen, Mütter und Kinder in der Wüste hungerten. Ja auch das lässt ihn nicht kalt, dass bei einer Hochzeit eine Verlegenheit entsteht, deretwegen nun die fröh­liche Gesellschaft vorzeitig auseinandergehen soll.

Die mäch­tige Gotteshilfe, die Jesus in solchen Fällen bringt, mutet an wie eine Liebkosung des Schöpfers; sie ist ein gütiger Zuruf des himmlischen Vaters an seine Menschenkinder, sie sollen nicht verzagen in den tausend Nöten ihres Leibes.

Wir finden im Neuen Testament nirgends eine Spur von der geistlichen Un­natur, die jede Krankheit und womöglich gar den Tod von vorn­herein als Segen ansehen will. Überall sehen wir die einfache und gesunde menschliche Auffassung: Krankheit ist ein schwe­res Übel, der Tod ist ein grauenhafter Zerstörer. Dass beides auf besondere Weise von Gott zum Besten gewendet werden kann, ist etwas ganz anderes.

Wunder sind nicht Störungen der Schöpfungsordnung, sondern ihre Wiederaufrichtung

Alles in allem: Die Wunder, namentlich die Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen, stehen im Neuen Testament nicht da als etwas Unnormales, sondern als etwas ganz Normales.

Die Wunder sind die teilweise und stellenweise Wiederherstellung der Schöpfung Gottes, die Wiederbringung des Anfänglichen: der ursprünglichen Gesundheit des Menschen und seiner einstigen nahen Berührung mit den himmlischen Mächten.

Krankheit ist Unnatur. Heilung ist göttlich-natürlich. Die Wunder sind ein Anzeichen der schon angebrochenen und ein Unterpfand der einmal vollends kommenden Gottesherrschaft. Wo etwas von Gottesherrschaft ist, da sind auch Wunder. Die ganze Apostelgeschichte ist erfüllt von Wundern, und bis ins dritte Jahrhundert kamen sie sehr häufig in der Gemeinde vor.

Treten sie später auch nur vereinzelt auf, ganz haben sie nie gefehlt. Unter den Geistesgaben der Gemeinde werden auch ausdrücklich genannt: die Gabe, Kranke zu heilen, und andere göttliche Kraftwirkungen (Energiewirkungen göttlicher Kräfte) zu vollziehen (1. Kor. 12,9-10).


Autor: Ralf Luther
Quelle: Neutestamentliches Wörterbuch

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