Kanonisierung der Bibel

Warum wurde das Judasevangelium nicht in die Bibel aufgenommen?

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Es gibt einige Evangelien, die es nicht in den Kanon der Bibel geschafft haben. Warum wurden sie nicht auserwählt? Und was steht in diesen Büchern? Woher wussten die Menschen damals, was die «offizielle Wahrheit» ist und was nicht? Ein Beispiel hierfür ist das Judasevangelium.

Das Judasevangelium ist hauptsächlich ein Dialog zwischen Jesus und Judas, in dem Jesus den Jünger bittet, ihn dem Tod zu übergeben und Judas gehorcht diesem Befehl. Judas ist der Held, der Jesus hilft, dieser korrupten Welt zu entfliehen, indem er ihn dem Tod übergibt. Die Weltanschauung dieses Buches ist völlig anders als die der biblischen Evangelien, die von Augenzeugen oder Freunden von Augenzeugen Jesu geschrieben wurden. Es enthält eine dunkle Kosmologie himmlischer Sphären und die Idee, dass Menschen einen «Heimatstern» haben, was an die Kosmologie Platons erinnert.

Wo es herkommt

Das Judasevangelium, so wie die meisten dieser alternativen Evangelien, sind Produkte einer Verschmelzung des Christentums mit einer griechisch-römischen Strömung, dem Gnostizismus, der im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus aufflammte.

Nach dem Judasevangelium ist Jesus nicht so sehr der Retter, als vielmehr der Enthüller, dessen geheime Sammlung an Sprüchen sein erleuchtetes Wissen weitergibt. Das Wesentliche dieser Geschichte ist laut den Gnostikern «die Geschichte eines höheren Gottes, der die Bösen aussticht, der Schöpfergott Israels, der einige Menschen dazu befähigt, angeführt von einer mysteriösen Offenbarungs-Figur das wahre Licht Gottes zu entdecken und zwar in sich selbst und auf diese Weise von der geschaffenen Ordnung befreit zu werden sowie vom physikalischen Körper und allen Sorgen, die mit der materiellen Welt einherkommen».

Warum es nicht glaubwürdig ist

Das Judasevangelium ist sicherlich ein glaubwürdiges geschichtliches Schriftstück des Gnostizismus des 2. und 3. Jahrhunderts. Aber wenn wir uns Fragen über die Ursprünge des Christentums und den wahren Jesus stellen, der in Palästina lebte, enthält das Judasevangelium keine glaubwürdige Information – aus verschiedenen Gründen:

1. Das Datum

Es entstand viel später als die Evangelien, die von Augenzeugen geschrieben wurden. Die Evangelien aus der Bibel wurden zwischen 60 und 100 n.C. geschrieben. Die Kopie des Judasevangeliums dagegen, die wir heute haben, wurde zwischen 240 und 320 n.C. geschrieben. Wir haben Tausende von Abschriften der Bücher des Neuen Testaments – einige von ihnen gehen zurück bis ins zweite Jahrhundert –, aber es gibt nur eine Abschrift des Judasevangeliums.

2. Die Anerkennung

Das Judasevangelium wurde von den frühen Nachfolgern Jesu nicht anerkannt (beziehungsweise sie konnten es gar nicht kennen, weil es noch nicht geschrieben worden war). Sie erkannten vielmehr einstimmig die Biographien über Jesus an, die von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes geschrieben wurden. Als der Kanon des Neuen Testaments ausgewählt wurde, gab es eine Diskussion darüber, ob die Bücher, die jetzt am Ende des Neuen Testaments stehen, mitaufgenommen werden sollen, beispielsweise 2. Petrus und Offenbarung. Doch über die Miteinbeziehung der vier Evangelien wurde diskussionslos einstimmig entschieden. Niemand der Anwesenden empfand die alternativen Evangelien, die Jahrhunderte später von unbekannten Autoren (die sich als Apostel bezeichneten) geschrieben wurden, so glaubwürdig wie die ersten vier Biografien.

3. Kultureller Abstand

Die Botschaft des Judasevangeliums stimmt überein mit dem griechisch-römischen Kontext des 2. und 3. Jahrhunderts: Die Welt ist nicht gut (anders als es 1. Mose beschreibt); der Schöpfer ist ein bösartiger Gott; der Höhepunkt der Heilsgeschichte ist nicht die Auferstehung und eine neue Erde, sondern die Flucht aus der Welt. Deshalb ist es historisch gesehen nicht glaubwürdig, das Judasevangelium als ein Dokument anzusehen, dass die wahre Lehre von Jesus wiedergibt, wenn es ein Widerspruch ist zu dem, was Augenzeugen aufgeschrieben haben und zu den jüdischen Wurzeln dieser Weltanschauung.

Daraus kann man schliessen, was der Theologe und Religionsprofessor James M. Robinson in der Newsweek schrieb, nämlich dass das Judasevangelium «uns nichts über den historischen Jesus und nichts über den historischen Judas erzählt. Es erzählt uns allein davon, was 100 Jahre später die Gnostiker aus der Geschichte gemacht haben, die sie in den Evangelien der Bibel fanden».

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Datum: 05.08.2017
Autor: Rene Breuel / Rebekka Schmidt
Quelle: Livenet / Evangelical Focus

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