Das Buch der Rekorde

Die Bibel gibt es in immer mehr Sprachen. Mit jeder weiteren Übersetzung bricht das Buch der Bücher seinen eigenen Weltrekord. Auch Schweizer sind daran beteiligt; zur Zeit arbeiten Eidgenossen an 22 verschiedenen Übersetzungsprojekten mit.

Zu den führenden Bibelübersetzern gehört die Organisation Wycliff, die auch in der Schweiz – in Biel – eine Niederlassung hat. Und die hat sich Grosses vorgenommen: Bis Mitte des Jahrhunderts wollen sie mit dem Übersetzen von sämtlichen noch übriggebliebenen Sprachen angefangen haben; und das sind mehrere tausend. Wir sprachen darüber mit Marcel Gasser, dem Direktor von Wycliff Schweiz.

Jesus.ch: Die Bibel oder Teile davon wurde in rund 2350 Sprachen übersetzt. Wie geht die Arbeit zur Zeit voran?
Marcel Gasser: Weltweit sind rund 1700 Übersetzungsprojekte im Gang. 1250 davon werden von Wycliff-Mitarbeitern vorgenommen.

Wie viele Übersetzungen gibt es auf den einzelnen Kontinenten?
In Afrika existieren bereits Übersetzungen in 665 Sprachen, in Asien in 585, Australien, Neuseeland und der Pazifikregion 414, in Europa 209, in Nordamerika 75, auf den karibischen Inseln und in Südamerika 404, und in künstlichen Sprachen sind es drei.

Künstliche Sprachen?
Esperanto zum Beispiel. Das ist eine vereinfachte Sprache, die konsturiert wurde mit dem Ziel, um die Völkerverständigung voranzutreiben. Man hat Elemente aus verschiedenen existierenden Sprachen zusammengefügt und etwas Neues daraus gemacht.

Bei wie vielen Projekten sind Mitarbeiter von Wycliff Schweiz dabei?
Zur Zeit sind Mitarbeiter von uns in 22 Projekten engagiert.

Picken wir eines davon heraus …
Die meisten Schweizer Mitarbeiter sind auf dem afrikanischen Kontinent im Einsatz. Ein Projekt, das ich selber gut kenne, ist dasjenige in Togo. Die Sprache heisst «Naudm». Wir begannen gleichzeitig mit dem 1. Buch Mose und dem Markus-Evangelium. Das 1. Buch Mose publizierten wir als kleines Büchlein, denn es geht uns geht, dass die Menschen dort abgeholt werden, wo sie stehen. Sie sollen sehen, wie die Schöpfung vor sich ging, wie das Böse in die Welt kam. Mit dem Neuen Testament zeigen wir dann, welche Lösung Gott für die Menschheit gefunden hat.

Wann werden Sie dieses Projekt abschliessen?
Zur Zeit ist es in der letzten Phase. Das Neue Testament braucht vielleicht noch zwei bis drei Jahre. Gleichzeitig arbeiten wir an den Psalmen. Wir hoffen, dass wir in fünf Jahren das Neue Testament inklusive den Psalmen publizieren können.

Wenn Sie an ein solches Projekt gehen und auf ihrem Schreibtisch eine Sprache haben, in die sie die Bibel übersetzen wollen: Wie lange dauert es dann, bis ein Einheimischer die fertige Bibel in der Hand hat?
Für die Übersetzung eines Neuen Testaments in eine neue Sprache rechnen wir etwa 15 Jahre. Darin eingeschlossen sind auch die Grundlagenarbeiten. Wir erforschen die Sprache und erstellen ein Alphabet. Zum Teil lehren wir die Leute auch Lesen und Schreiben in ihrer Sprache.

Wir hier von der Schweiz aus machen aber keine Übersetzungen. Wir haben die Verantwortung, Leute zu rekrutieren und zu schauen, dass diese auch finanziell unterstützt werden. Die eigentliche Arbeit geschieht im jeweiligen Land, und zwar unter Leitung und Verantwortung von SIL International, unserer wissenschaftlichen Partnerorganisation.

Sie müssen zum Teil sogar die Schriftsprache erfinden?
Das ist richtig. Wir arbeiten dabei mit offiziellen Stellen, zum Beispiel mit einem Regierungsdepartement und einer Universität, mit denen wir Verträge zur Zusammenarbeit haben. Mit ihnen erarbeiten wir ein Alphabet, das dann auch offiziell genehmigt wird. Wenn es um die Übersetzung der Bibel geht, arbeiten wir mit einheimischen Kirchen und Missionsgesellschaften zusammen, damit von Anfang an die Leute vor Ort im Projekt einbezogen sind.

Wir als Ausländer machen die Übersetzung aber nicht direkt, sondern arbeiten als Berater mit. Den Transfer in die Muttersprache macht immer ein Vertreter der betreffenden Sprache. Wir arbeiten als Team zusammen.

Sie haben noch einiges vor: 1700 Übersetzungen sind am Laufen, rund 2350 gibt es bereits. Bei insgesamt rund 6900 Sprachen fehlen also fast noch 3000. Im Jahr 2025 wollen Sie nun aber mit der letzten begonnen haben ...
Ja, dieses Ziel haben wir uns gesteckt. Es ist ein sehr hohes Ziel. Wenn man die heutigen Mittel anschaut, ist es zu hoch. Was wir aber auch sehen, ist, dass sich immer mehr Mitarbeiter auf den jeweiligen Kontinenten finden lassen; sei dies in Afrika, Südamerika oder im asiatischen Raum. Viele engagierte Christen, gut ausgebildete Leute, die sich mehr und mehr für die Bibelübersetzungen einsetzen.

Vor diesem Hintergrund können wir optimistisch sein, dass dieses Ziel erreicht wird. In Nigeria zum Beispiel gibt es noch 300 Sprachen. Inzwischen haben sich aber auch dort Einheimische an die Arbeit gemacht.

Für eine Übersetzung brauchen Sie 15 bis 20 Jahre. Somit können Sie etwa im Jahr 2045 den Laden schliessen. Dann seid Ihr ja fertig.
Im Prinzip ja. Die Realität ist aber anders: Wenn das Neue Testament einmal übersetzt ist, will die Bevölkerung auch das Alte Testament. Und das ist gut so. Uns wird also die Arbeit nicht ausgehen.

Mehr Infos unter: www.wycliff.ch

Lesen Sie auch Teil 2: Bibelübersetzer bei der UNO

Datum: 19.05.2004
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch

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