Heilsames Bibellesen

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Felix Ruther
Wenn es darum geht, Gott in seinem Wort zu begegnen, sollte man auch mit biblischen Aussagen umgehen, die man nicht erklären kann. Es geht beim Bibellesen nicht in erster Linie ums Analysieren, sondern vielmehr um die Begegnung des Herzens mit dem biblischen Wort.

Fritz Imhof: Welches sind für Sie die gewinnbringendsten Momente und Zeiten des Bibellesens?
Felix Ruther: Am meisten Gewinn erlebe ich beim Bibellesen, wenn ich aus einer belastenden Situation komme und auf mein "Florilegium" zurückgreife. Das Florilegium ist eine Sammlung von Lieblings-Bibelstellen, die ich mir ausgewählt und aufgeschrieben habe. Es handelt sich um eine Sammlung für ganz bestimmte Situationen, Bibelstellen, die ich mir im übertragenen Sinne "im Munde zergehen lassen" kann. Dazu gehört zum Beispiel Lukas 15, der verlorene Sohn, eine der allerschönsten biblischen Geschichten. Oder der Anfang von Hesekiel 16, wo Gott das Volk Israel mit einem Kind vergleicht, das im Sterben liegt, weil sich niemand um das Neugeborene kümmert. Zu ihm sagt er: "Ich sah dich in deinem Blute liegen und sprach: lebe!" Damit mache ich mir bewusst: Ich habe einen Gott, der will, dass ich lebe.

Lässt sich diese Erfahrung auf alle Bibelleser anwenden?
Ich empfehle allen, sich ein solches persönliches "Florilegium" anzulegen. Eine andere gute Tugend sehe ich auch im Auswendiglernen. Ich habe zum Beispiel die Ausführungen über die Liebe in 1. Korinther 13 auswendig gelernt und bei Gelegenheit - etwa bei Bahnfahrten - repetiert. Das hat mich in konkreten Situationen dazu befähigt, liebevoll zu denken und zu handeln. Ohne diesen Impuls hätte ich das wahrscheinlich oft nicht tun können.

Ich muss mir allerdings bewusst bleiben, dass ich einen geistlichen Beruf habe und damit auch ein professioneller Bibelleser bin. Das heisst für mich, die eigentliche Arbeit an der Bibel als geistlicher Leiter strikte von der ganz persönlichen Begegnung mit der Bibel zu unterscheiden. Ich erwische mich oft dabei, dass plötzlich bei meinem persönlichen Bibellesen das Analysieren Oberhand gewinnt und die Begegnung des Herzens mit dem biblischen Wort verdrängt.

Gibt es da einen Rhythmus beim Bibellesen?
Ja. Ich kenne Jahreszeiten im Bibellesen. Einmal arbeitete ich stark analytisch am Buch Jeremia. Ich erlebte das als einen relativ mühsamen Anmarschweg zu den zentralen Aussagen dieses Propheten. Ich las viele Kommentare, aber auch mehrmals das Buch. Und interessant: je mehr ich darüber wusste, desto stärker begann ich, dieses Buch zu lieben. So zahlte sich schliesslich das intensive Studium aus. Das Buch Jeremia begann wie von selbst zu mir zu reden.

Kennen Sie beim Bibellesen auch Zeiten der Trockenheit?
Ja. Ich erlebte zwar am Anfang meines Christenlebens eine Verliebtheit in das biblische Wort. Alles ging so leicht. Aber schon in der nächsten Phase erlebte ich ein Auf und Ab im Alltag. Ich muss mir oft sagen: Ich weiss, das Bibellesen tut mir gut, auch wenn ich keine Lust dazu verspüre. Ich pflege das regelmässige Lesen, auch wenn ich das ganz unterschiedlich praktiziere. Manchmal verschlinge ich biblische Texte grossflächig, dann lese ich wieder eher analytisch. Zu andern Zeiten konzentriere ich mich auf die Psalmen, die ich sehr schätze. Oft lese ich abwechselnd aus mehreren biblischen Büchern, doch die Psalmen gehören immer dazu. Über die Jahre ist mir die Bibel immer stärker zur Heimat geworden. Wenn ich beispielsweise die Psalmen öffne, begegnen mir immer wieder alte Bekannte, mit denen ich schon verschiedene Erfahrungen machen konnte. Ich lese immer noch die gleiche Lieblingsbibel, in der die Lieblingsstellen markiert sind. Oft spüre ich bereits dann schon neue Ruhe und Frieden, wenn ich diese Bibel in die Hand nehme.

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Mit dem Herzen dem biblischen Wort begegnen
Die Bibel ist nicht nur ein Erbauungsbuch. Wie gehen Sie mit Texten wie Chroniken oder gar Verwünschungen der Feinde um?
Ich lese natürlich etliche Texte häufiger als andere, auch wenn ich etwa alle vier Jahre wieder die ganze Bibel lese. Bücher wie die Chronik lese ich etwas schneller und vertiefe mich weniger in sie. Was die sogenannten Rache-Psalmen betrifft: Man hat in Bibellesehilfen versucht, die Psalmen zu glätten und anstössige Stellen auszustreichen. Das heisse ich nicht gut. In den Verwünschungen begegne ich ja Regungen meines Herzens. Sie halten mir einen Spiegel vor. Sie handeln von mir, der ebenso verwünscht. Hiob verwünschte sogar Gott und wurde schliesslich doch rehabilitiert. Ein Glätten solcher Stellen nimmt der Bibel von ihrer Kraft. Die Psalmen helfen mir, das Innerste zur Sprache zu bringen. Wenn ich das vor Gott ausspreche, kann ich verändert werden und ihm neu begegnen. Wir dürfen nicht im Bösen sprachlos werden, sonst verschliessen wir einen Lebensbereich vor Gott. Wir müssen nicht zuerst fromm sein, um Gott zu begegnen.

Es gibt auch schwer fassbare Aussagen, gerade auch aus dem Mund von Jesus.
Ich vertiefe mich angesichts solcher Aussagen in die theologische Literatur und versuche zu verstehen. Ich informiere mich, wie andere Menschen diese Stellen verstanden haben. Mir ist wichtig, dass ich bei schwer verständlichen Aussagen meinen Kopf nicht abgeben muss. Ich lernte , viele dieser Texte im Licht der gesamten Bibel zu verstehen. Die Arbeit hat sich gelohnt. Auch das Verstehen tut dem Herzen gut. Es gibt aber auch Aussagen, die ich einfach einmal stehen lassen muss, so zum Beispiel die "Jahwe-Kriege". Auch das blutige Kreuzesgeschehen bleibt mir in letzter Konsequenz ein schwer verständliches Ereignis.

Kann man die Bibel überhaupt angesichts dieser Schwierigkeiten allen Menschen zum Lesen empfehlen?
Es ist weitgehend eine Frage des Motivs. Das Ziel des Bibellesens soll nicht sein, dass ich schliesslich eine nach allen Seiten stimmige Theologie entwickle. Wenn es mir darum geht, Gott in seinem Wort zu begegnen, kann ich auch mit biblischen Aussagen umgehen, die ich nicht erklären kann. Eine Sklavin, der ihre Herrin vorwarf, sie verstehe die Bibel doch gar nicht, antwortete: "Bei allen Stellen, die ich nicht verstehe, sage ich: Halleluja". Wir brauchen etwas von dieser kindlichen Haltung bei unserem Umgang mit der Bibel. Dann kann ich grosszügig auch mit schwer verständlichen Stellen umgehen. Es geht darum, dem lebendigen Gott zu begegnen. Da kann ich gewissermassen Fünf gerade sein lassen.

Wie finden Sie den Zugang zur Bibellese, wenn Sie aus dem Stress des Alltags kommen?
Ich habe zuhause einen Stuhl, den ich nur zum Bibellesen und zum Gebet nutze. Sobald ich mich auf diesen Stuhl setze, kann ich Belastendes leichter loslassen. Vielleicht vertiefe ich mich dann zuerst in einen Psalm, der mir gut tut. Ich werde aus dem Kreisen um meine Situation - zum Beispiel durch einen Lobpreis-Psalm - herausgezogen und fühle mich zu Gott neu hingezogen. Wer im Bibellesen längere Zeit Probleme hat, sollte vielleicht einen andern Christen beiziehen und die Bibel mit ihm lesen. Es gibt Menschen, die mit ihrem Beispiel und ihrer Bibelerfahrung einfach anregend und ansteckend wirken. Gute Exegeten können auch für eine Gemeinde ein grosses Geschenk sein. Diese Kunst ist leider nicht mehr so verbreitet.

Datum: 29.03.2003
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Bausteine/VBG

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