Susanne Thiel

«Im Drogenrausch hörte ich Stimmen»

Trotz sorgloser Kindheit kam die gebürtige Österreicherin Susanne Thiel (50) als Jugendliche mit immer härteren Drogen in Kontakt. Sie landete am berüchtigten «Zürcher Platzspitz». Heute in Grabs zu Hause, erzählt sie von ihrem Weg in die Freiheit.
Susanne Thiel, 50 Jahre, wohnt in Grabs (Bild: Rolf Frey)

Susanne, berichte uns bitte etwas über deine Kindheit!
Susanne Thiel: Ich bin in Meiningen im Vorarlberg bei meiner Mutter und meinem inzwischen verstorbenen Stiefvater aufgewachsen. Meinen leiblichen Vater habe ich leider erst mit 25 Jahren kennengelernt, kurz bevor er starb. Er war Alkoholiker. Trotzdem fühlte ich mich als Kind geborgen, da sich meine Mutter aufopfernd um mich und meinen älteren Bruder kümmerte. Zu beiden habe ich seit jeher eine gute Beziehung.

Dennoch bist du als Teenager in die Drogen geraten. Wie kam es dazu?
Als Jugendliche war ich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und leicht zu beeinflussen. Ich bin ein emotionaler Mensch und war früher sehr offen für okkulte Dinge. Auf der Suche nach Annahme und Liebe liess ich mich auf alles Mögliche ein, dazu zählten Drogen. Auslöser war der Film «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo», der Anfang der 80er-Jahre in vielen Schulen gezeigt wurde, um Jugendliche über die Gefahren von Drogen aufzuklären.

Der Film schreckte mich nicht ab. Im Gegenteil, er animierte mich, Drogen auszuprobieren. Ich war bereits Raucherin und drehte bald meinen ersten Joint. Kurz darauf folgte härterer Stoff , ich fand schnell heraus, wo er zu bekommen war. 15-jährig lief ich von zu Hause fort und landete im Zürcher «Drogenparadies», dem «Platzspitz» hinter dem Hauptbahnhof.

Kannst du uns dein damaliges Leben bitte etwas näher beschreiben?
Der Alltag ist geprägt von der Suche nach dem nächsten Schuss. Dafür war ich bereit, alles zu tun und verkaufte auch meinen Körper. Bald war ich tablettensüchtig. Die Drogen und Medikamente bezog ich von unterschiedlichen Dealern. Ab 18 Jahren bekam ich auch Methadon. Sieben Jahre lang kämpfte ich mich mit meinem damaligen Partner von einem Tag zum nächsten.

Wie wirkten die Drogen auf dich?
Sie waren sehr stimulierend. Anfangs stand ich eher auf dämpfende Drogen. Ich fühlte mich sorglos und leicht, wie auf Wolke 7. Das Grau verschwand, der Himmel war leuchtend blau – allerdings immer nur für kurze Zeit. Der Aufprall auf dem Boden der Realität wurde immer härter. Man stumpft innerlich ab, wird gefühlskalt und nimmt nicht einmal mehr die Jahreszeiten wahr. Ich lebte im tiefen Winter. Nach jedem Rausch drehte sich alles um den nächsten Schuss. Aus diesem Teufelskreis rauszukommen, ist menschlich gesehen fast unmöglich, Wenige schafften es.

Auch du hast den Ausstieg geschafft – wie?
Die einfache Antwort darauf heisst Jesus. Ich möchte damit niemanden vor den Kopf stossen und auch nicht den Eindruck erwecken, ich sei von einer Sucht in die nächste geraten, also eine religiöse… Man könnte darunter verstehen, ich wäre erneut vor der Realität geflüchtet. Nein, das Erlebnis mit Jesus war und ist keine Einbildung, davon bin ich überzeugt.

Jetzt machst du uns neugierig…
Ich muss ich ein wenig ausholen. Im Drogenrausch hörte ich Stimmen. Sie sagten mir ich sei hässlich und Gott sei böse. Ich begann Jesus und Gott zu hassen und zu verfluchen, wurde aggressiv und unerträglich für mein Umfeld. Kein Zweifel, es war der Teufel, Satan, der mich auf seine Seite zog. Als ich meinen Freund verlor, machte ich mit Satan einen Deal. Ich sagte: «Wenn du mir meinen Freund zurückbringst, bin ich bereit alles zu tun, was du willst.» Der Freund kam tatsächlich zu mir zurück.

Dafür wurde mein Hass auf mich selbst und auf Gott immer schlimmer. Dann lernte ich eine christliche Familie kennen. Sie engagierte sich in einer Kirche, nahm mich an und bei sich auf, ohne mir Vorwürfe zu machen. Diese Menschen sprachen nicht nur von Gott und vom Glauben, sie lebten auch so und kümmerten sich um mich. Das hat mich umgehauen. Sie sagten mir, Jesus liebe alle Menschen und könne mein Leben erneuern, wenn ich seine Vergebung annehmen würde. Und das habe ich tatsächlich erlebt. Kurz vor meinem 30. Geburtstag wurde ich frei von Drogen und habe seither keine harte Droge mehr angerührt; es sagt mir nichts mehr.

Wie ging die Geschichte weiter?
14 Jahre verbrachte ich bei dieser Familie und wurde Teil ihrer Kirche. Ich begann in Schulen und Firmen meine Geschichte zu erzählen. Meistens wurde ich eingeladen. Mit Gott verbunden und frei von den Drogen zu sein, das gehört für mich zusammen. Deshalb redete ich immer Klartext. Die Jugendlichen hörten mir fasziniert zu, negative Reaktionen kommen mir keine in den Sinn. Ich fühlte mich von Gott berufen, dies zu tun und freue mich noch heute über jede Anfrage.

Wie lief es beruflich und privat weiter?
Nach meinem Drogenausstieg arbeitete ich zunächst als Reinigungskraft. Anschliessend habe ich die Ausbildung zur diplomierten Sozialbetreuerin absolviert. Seit sechs Jahren arbeite ich Teilzeit im Pflegeheim Toggenburg und habe im Sommer 2022 meine Weiterbildung als Fachfrau Gesundheit abgeschlossen. Ich bin mit Christian verheiratet, er ist gelernter Zimmermann. Nach einer Umschulung arbeitet er jetzt als Pädagoge. Auch in meiner Kirche engagiere ich mich in den Bereichen Musik und Dekoration.

Welche Pläne hegst du für die Zukunft?
Ich würde gern ein Buch herausgeben, sofern ich Zeit und Ressourcen dafür finde. Weiter träume ich von einem Haus für betagte und vielleicht auch sonst benachteiligte Menschen. Ich möchte alten Menschen, die so viel erlebt und geleistet haben, einen frohen Lebensabend ermöglichen.

Was rätst du Menschen, die Drogen konsumieren und frei davon werden möchten?
Den einfachen Entzug gibt es nicht, auch wenn es bei mir so scheinen mag. Der Entzug sollte etappenweise geschehen, sonst besteht die Gefahr, ins Koma zu fallen. Am härtesten ist die psychische Komponente. Man muss frei werden wollen. Nur ein Prozent der Heroinsüchtigen schaffen den Ausstieg, das sagt alles. Wie ich schon erwähnte, ohne Jesus hätte ich es nicht geschafft. Seine Liebe und göttliche Kraft haben mein Leben umgekrempelt und mir Wert und Würde geschenkt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Hope-Regiozeitung

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Datum: 30.12.2022
Autor: Rolf Frey
Quelle: Hope-Zeitungen

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