Ein Paar redet offen

«Unerfüllter Kinderwunsch ist schmerzhaft»

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Tiziano und Christa Colella (Foto: Viertelstunde für den Glauben / Sandra Roth)
Als Christa und Tiziano Colella heirateten, wussten sie, dass es schwierig werden könnte, Kinder zu kriegen. Das verschonte sie aber nicht vor dem Schmerz ihrer unerfüllten Sehnsucht.

Als  im Jahr 2015 heirateten, brachten beide eine medizinische Vorgeschichte mit. Deshalb entschieden sie früh, Abklärungen bezüglich einer Schwangerschaft zu machen. Nach zwei Jahren stand fest: Sie hatten keine Chance, Kinder zu bekommen.

Die letzte Chance wahrnehmen?

«Wir hatten eine Ahnung, dass es mit dem Kinderkriegen schwierig werden könnte», erzählen Colellas. Trotzdem blieben sie hoffnungsvoll – selbst während der Abklärungen im Kinderwunsch-Zentrum. Die Ergebnisse der Untersuchungen zerstörten dann aber jede Hoffnung. «Es war ein harter Schlag! Als einzige Hoffnung, eigene Kinder zu haben, wurde uns künstliche Befruchtung empfohlen», erzählt Christa, «dennoch wäre ein Erfolg nicht gewährleistet.» Neben der Beratung im Kinderwunsch-Zentrum führten sie Gespräche mit Paaren aus ihrem Umfeld, die Erfahrungen mit künstlicher Befruchtung gemacht hatten.

«Bereits vor den Abklärungen überlegten wir uns als Paar, wie weit wir zu gehen bereit sind», sagt Tiziano. «Es war wichtig, schon früh die persönlichen Grenzen abzustecken.» Christa ergänzt: «Die künstliche Befruchtung war für uns beide ausserhalb unserer Vorstellung. Und zwar nicht, weil wir denken, dass man dies als Christ nicht darf. Wir litten mit, wenn andere Paare diesen Weg beschritten. Es war ein Leidensweg mit Hoffen, Bangen und schmerzhaft körperlichen Herausforderungen mit den Hormonen. Dazu kommen die vielen ethischen Fragen. Das alles traute ich mir nicht zu – wollte es mir eigentlich auch nicht zutrauen.»

An wem liegt es?

«Bei uns ist es so, dass wir beide einen Teil dazu beitragen, dass wir keine Kinder kriegen können», gibt Tiziano Einblick. «Das macht es einfacher. Ich liebe meine Frau, und wenn ich wüsste, dass es nur an mir liegt, wäre das sehr schwierig.» Bei ihnen besteht nicht die Gefahr, plötzlich mit dem Finger auf den anderen zu zeigen und ihn für das Leid verantwortlich zu machen. «In unserer Situation ist es einfacher, den Weg gemeinsam zu gehen.»

Christa erlebte die Frage nach der Schuld für ihre unerfüllte Sehnsucht nach Kindern schwieriger. Sie richtete ihr Unverständnis vor allem gegen Gott. Es gab Zeiten von Zweifel und Anklage gegen Gott. «Gott, der Leben schafft und den Menschen den Auftrag gab, sich zu vermehren, hätte uns problemlos ein Kind schenken können. Für mich blieben viele Fragen unbeantwortet.»

Der Trauerprozess kann lange dauern

Tiziano wuchs in einem Kinderheim auf. «Als Kind sah ich, was andere Kinder besser hatten als ich. Zum Beispiel Familienfeste.» Als er später sein eigenes Leben führte, lernte er dankbar zu sein für alles, was ihm geschenkt worden war. «Diese Haltung half mir, mit dem unerfüllten Kinder-wunsch umzugehen.» Entsprechend beschreibt er den Trauerprozess als grösstenteils überwunden. «Die Emotionen des Schmerzes und der Trauer brauchte es aber auch bei mir, um alles zu verarbeiten.»

Für Christa ist der Prozess intensiver. «Es gibt immer wieder Momente, in denen mir das Ganze schwerfällt», bekennt sie und erzählt von einer Zeit, in der sie erschöpft war und seelsorgerliche Hilfe in Anspruch nehmen musste. «Der unerfüllte Kinderwunsch war das Thema, das mir am meisten Energie raubte, deshalb gingen wir es in der Seelsorge an.» Das half ihr in ihrem Trauerprozess – auch wenn dieser noch immer anhält.

Gemeinsam den Weg gehen

«Mir als Mann fällt das Thema offenbar leichter als meiner Frau. Irgendwie gelang es mir, das Ganze anzunehmen», erzählt Tiziano. Er berichtet aber von Schwierigkeiten in ihrer Beziehung. «Wenn meine Frau wieder eine Krise hatte, war ich irritiert und musste erst lernen, damit umzugehen.» Immer wieder gilt es, sich dem Thema neu zu stellen. «Das kann manchmal sehr anstrengend sein.» Er glaubt aber, dass es manchmal auch richtig ist, dem Thema bewusst auszuweichen, zum Beispiel einem Familiengottesdienst fernzubleiben, und sich stattdessen auf das Positive des Lebens zu konzentrieren. «Die Möglichkeiten eines kinderlosen Paares zu schätzen, ist sehr wichtig», betont Tiziano – obwohl der Schmerz dadurch nicht verschwindet.

Eine unerfüllte Sehnsucht akzeptieren

Für Christa und Tiziano stellte sich auch die Frage nach Pflegeelternschaft und Adoption. «Über eine Adoption haben wir uns Gedanken gemacht. Doch dieser Weg ist ebenfalls herausfordernd und es gibt viele schwierige Geschichten.» Letztlich hielten sie für sich fest, dass es nicht darum geht, das Maximum zu haben, sondern eine unerfüllte Sehnsucht zu akzeptieren. «Die Situation ist nun mal so und jetzt gilt es, uns auch auf andere Themen des Lebens zu konzentrieren.»

Eines dieser anderen Themen hat für Colellas einen direkten Bezug zu ihrem unerfüllten Kinderwunsch. «Wir möchten eine Plattform schaffen, um kinderlose Paare zu unterstützen und vernetzen.»

Und dann wurde es ganz praktisch

«Es ist schade, dass wir selten mit anderen betroffenen Paaren über unerfüllte Kinderwünsche reden konnten», fasst Tiziano die Erfahrung der vergangenen Jahre zusammen. Gemeinsam mit Christa und zwei anderen Paaren begann er, entsprechende Wege zu suchen. «Es gibt viele, die an ihrer Kinderlosigkeit leiden und von einer guten Plattform zum gegenseitigen Austausch profitieren können.» Die Sache ist noch in Entwicklung, eine Webseite ist aber bereits entstanden.

«Ich treffe mich regelmässig mit Frauen, die an ihrem unerfüllten Kinderwunsch leiden», erzählt Christa. «Mehrere von ihnen haben sich entschieden, im Moment keine christlichen Gemeinschaften zu besuchen. Der Stress, ständig von Familien mit Kleinkindern umgeben zu sein, sei einfach zu gross.» Eine Sensibilität für das Leiden kinderloser Paare sei wichtig. «Ich wünsche mir bei diesem Thema mehr Offenheit.» In Kirchen und Gemeinden sind viele überfordert, wenn es darum geht, Anteil am Schmerz unerfüllter Kinderwünsche zu nehmen. Gerade deshalb wollen Colellas anderen sagen: «Ihr seid nicht allein!»

Dieser Artikel erschien zuerst in der Pfingstausgabe von «Viertelstunde für den Glauben». Diese Zeitung kann weiterhin bestellt werden unter www.viertelstunde.ch.

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Datum: 01.06.2021
Autor: Markus Richner-Mai / Florian Wüthrich
Quelle: viertelstunde fü den glauben

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