Mein Liebster

„Alles was mir von ihm bleibt, ist die Erinnerung“

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Janine ist dankbar für die kurze, aber intensive Zeit mit Patrick.
Zuerst sind es nur beunruhigende Träume. Dann wird aus der Vorahnung Gewissheit: Janine Altermatt verliert nach einem Jahr Beziehung ihren Freund durch einen Motorradunfall. Es ist ihr Glaube an Gott, welche die junge Frau auffängt und tröstet. Patricks Freundin über die schwerste Zeit ihres Lebens:

Im Oktober 2003 überredete mich mein Bruder Mario, ihm beim Abend der christlichen Jugendgruppe (JG), zu helfen. Es kostete mich Überwindung. Ich hatte Angst, wieder in diese JG gehen zu „müssen“, obwohl mir die Gemeinschaft mit Christen zu dieser Zeit eigentlich fehlte. Ich entschied mich, für diesen Abend doch mitzugehen, nahm mir aber vor, ganz sicher kein weiteres Mal hinzugehen. Doch es kam anders...

Er lachte viel

Bei der Organisation war er auch dabei: Patrick. Ich mag mich erinnern, dass er an dem Abend viel gelacht und geredet hat – besonders, dass er mir freiwillig nach dem Essen beim Abwasch half. Anfang 2004 entschieden wir uns, Gott zu fragen, ob wir zueinander gehören. Wir hatten eine intensive Zeit miteinander, waren viel unterwegs mit Freunden, mit der JG und mit dem Motorrad, welches Patrick mit Leidenschaft fuhr. Wir lachten oft und viele haben sich mit uns gefreut, dass wir so glücklich waren.

Etwas fehlte

Plötzlich, Anfang August, bekam ich eine riesige Sehnsucht nach Gott. Ich merkte, dass ich ihn gar nicht kannte. Ich wollte mehr von seiner Liebe und seiner Gegenwart spüren. Mir reichte die Liebe von Patrick nicht mehr und ich merkte, dass ich keinen Halt hatte. War Patrick nicht bei mir, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich war alleine. Ich bat Gott, in mein Leben zu kommen – mein Ein und Alles zu werden.

Albträume

Zugleich fing ich an vom Tod und von der Beerdigung Patricks zu träumen. Immer häufiger. Ich verdrängte diese Träume und sagte mir, dass ich nicht so blödes Zeugs glauben sollte. Gott wird mir doch nicht mein Liebstes wegnehmen!? Er ist doch ein liebendes und gütiges Wesen und kann mir so was nicht zumuten! Er weiss doch, wie labil meine Psyche ist! Er kennt mich ja!“

Mein Freund lässt sich Taufen

September 2004: Ein wunderschöner Sonntag. Patrick und ein paar Freunde liessen sich bei uns in der Emme taufen. Zuvor erzählte er den Anwesenden aus der christlichen Gemeinde von seinem Leben. Viele waren davon bewegt. Ein Fest, dieser Sonntag. Doch wieder kamen diese Gedanken hoch: Wieso soll ich noch zu seiner Familie gehen, wenn er ja gar nicht mehr da sein wird?

Die letzte Begegnung

Zwei Wochen später: Eine Freundin aus der JG wollte für ein Jahr an eine Bibelschule nach Deutschland und lud uns alle zu Kaffee und Kuchen ein. Ein Abschied – oder zwei? Einer davon noch ausstehend...

Ich ging ziemlich früh hin und rechnete nicht damit, meinen geliebten Freund auch noch zu sehen. Er wollte erst später kommen. Aber Gott liess uns einander noch in den Arm nehmen. Ein letztes Mal, kurz aber herzlich zwischen der Türe. Ich war am gehen, er kam gerade. Ich werde diesen Moment nie vergessen: Noch ein letztes Mal in seine so schönen blaugrünen Augen geschaut, seine vertraute Stimme gehört, seine warme Umarmung gespürt. Alles was mir von ihm seit diesem Abend bleibt, ist die Erinnerung.

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Janine Altermatt schöpfte Kraft aus dem Glauben an Gott.

Der Unfall

„Gott holt einem nicht aus dem Leid heraus, er kommt ins Leid hinein und hilft es einem zu tragen.“

„Gott legt dir nur so viel auf, wie du auch zu tragen vermagst.“

Zwei Sätze aus der Bibel, die mich durch die schwerste Zeit meines Lebens begleitet haben: Patrick ist am Freitagmorgen, den 17.September 2004, auf dem Weg zur Berufsschule mit seinem Motorrad bei einem Überholmanöver frontal mit einem Lieferwagen zusammengeprallt. Alle Helfer kämpften noch zwei Stunden lang um sein Leben. Sie schafften es nicht.

In der Not Gottes Nähe erlebt

Als ich es am Mittag erfuhr, erfüllte sich zum Schmerz mein sehnlichster Wunsch, Gottes Nähe zu erleben. Er war da! Nicht nur ein bisschen am Rande oder still im Hintergrund. Nein. Mitten in meinem Leid, in meinem Schmerz, meinen Tränen, stand Gott mit seiner Liebe, Herrlichkeit und mit seinem Trost bei mir.

Für mich begann an diesem Tag die schwerste und zugleich gottesnächste Zeit meines Lebens. Ich hatte nun nur noch Gott, an ihn klammerte ich mich regelrecht. Ich habe gelernt, dass wir ihm unseren Schmerz, Wut und Trauer erzählen können. Er versteht und tröstet uns. Jesus hat selbst so viel Schmerzen getragen, dass er sicher auch meinen kennt und mir darüber hinweg helfen kann – und wird.

Ich haderte mit Gott – trotzdem war er mir nahe

Ich habe im ersten Jahr nach Patricks Tod viele schwere Momente, auch länger anhaltende Tiefs, erlebt. Ich wusste manchmal fast nicht weiter, fühlte mich alleine und kam teilweise kaum aus Schmerz und Selbstmitleid heraus. Ich weinte stundenlang bis ich keine Tränen mehr hatte. Ich diskutierte und haderte auch mit Gott über meine Situation.

Er war da. Im grössten Leid war er einfach da. Mit seiner bedingungslosen Liebe. Ich war an meinem tiefsten Punkt angekommen und genau dort war Gott, mein Vater und Schöpfer mit seiner Gnade und ich fühlte mich in seinen Armen so geborgen.

Loslassen

Mittlerweile vermisse ich Patrick nicht mehr so stark. Ich habe ihn als Freund und Partner losgelassen und verspüre einfach Freude, wenn ich an unsere gemeinsame Zeit denke. Ich erinnere mich gerne an die schöne Zeit zurück, die Gedanken sind aber nicht mehr mit Schmerz erfüllt.

Der Schmerz, der bis heute geblieben ist, ist der, wenn Bilder, etwa von der Beerdigung, hochkommen, die einfach noch nicht verarbeitet sind. Seelische Wunden, die noch nicht vollständig heilen konnten.

Gerade jetzt, während ich schreibe, wird mir einmal mehr bewusst, was in den letzten drei Jahren alles passiert ist. Und ich bin, wenn ich zurückblicke, so unendlich dankbar, dass ich Jesus kennen darf und um die Vaterliebe des allmächtigen Gottes weiss. Ohne ihn wäre ich nie dort, wo ich jetzt bin, und ich würde diese Zeilen nicht schreiben.

Patricks Tod war nicht sinnlos und er geht auch nicht vergessen.

Links zum Thema:
„Der Tod ist eine Sekunde weit weg“
„Die Nächte wurden ihr zur Qual“
„Was soll man dem Sterben schon Positives abgewinnen können?“
„Wie soll ich mit dem Tod umgehen?“

Autorin: Janine Altermatt

Datum: 08.10.2006
Quelle: Livenet.ch

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