Opfer von Mobbing

«Sieben Jahre ohnmächtiges Leiden»

Von der ersten bis in die siebte Klasse wurde Jonny Fuchs praktisch täglich gemobbt. Die Verletzungen durch seine Klassenkameraden machten ihn seelisch kaputt. Beinahe hätte er sich mit zwölf Jahren das Leben genommen. Doch Gott bewahrte ihn davor. Heute will er Mobbingopfern Mut machen.

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Jonny Fuchs mit dem Hund seiner Schwester.
Jonny Fuchs verbrachte unbeschwerte erste Lebensjahre zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwester in Pratteln BL und Densbüren AG, bevor sein wohlbehütetes Leben mit dem Umzug nach Frick AG ein jähes Ende nahm. Als er dort in die Schule kam, blies ihm vom ersten Tag an ein rauer Wind entgegen. Mit sieben Jahren erlebte er erstmals Mobbing. «Es fing an mit einem Sticheln, weil ich wohl vielen nicht sympathisch war. Die Gründe, weshalb ich ausgegrenzt wurde, waren vermutlich mein Übergewicht, mein Glaube und vielleicht auch Neid und Eifersucht, weil ich in geordneten, friedlichen Familienverhältnissen aufwachsen durfte. Ich realisierte zu Beginn noch gar nicht richtig, was hier passiert und verstand es auch nicht. Am Ende meiner Schulzeit wog ich rund 117 kg und jetzt habe ich es endlich unter 90 kg geschafft.»

Die Leidenszeit

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Jonny Fuchs als Kind
Er sei von der 1. bis in die 7. Klasse immer der Ausgegrenzte gewesen, erklärt Jonny Fuchs im Gespräch mit Livenet. Ob er im Sport als letzter gewählt wurde, ob er gehänselt oder ab der 3. Klasse sogar geschlagen wurde. «Verprügelt wurde ich vor allem von einem Jungen, der wegen uns (wir haben ihn angezeigt) auch von der Schule geflogen ist. Dieser wurde selbst daheim verprügelt und wusste gar nicht anders als mit Fäusten zu kommunizieren. Dieser Junge war zusätzlich mein Nachbar. So verkroch ich mich meistens in unserem Haus und traute mich eigentlich gar nicht wirklich raus.»

Die Attacken gingen sogar soweit, dass er auf Milzriss untersucht und ihm mit neun Jahren Polizeischutz angeboten wurde. Es seien immer neue Verletzungen hinzu gekommen, die er einstecken musste. «Ich habe psychisch stark gelitten. Ein Schlag ins Gesicht tut nur kurz weh, aber ein Stich in die Seele schmerzt lange.»

Jonnys Eltern litten ebenfalls stark unter der Situation. Doch sie waren ohnmächtig, ebenso wie ihr Sohn. Dieser bezeichnet seine ganze Gefühlslage in dieser Zeit als ohnmächtiges Leiden. «Wenn du als Kind täglich diesen Todeskampf führen musst, fühlst du dich, wie wenn du aus eigener Kraft einen Lastwagen ziehen müsstest. Und du flüchtest dich auch in diese Opferrolle, was alles noch schlimmer macht.»

Der Abschiedsbrief

So wurde der junge Jonny bald depressiv. Er weinte oft Stunden lang, vor allem auf dem Weg von der Schule nach Hause. «Das war für meine Mutter, die das meinstens als Erste abbekommen hat, nicht so einfach.» Am Morgen versuchte er, neuen Mut zu fassen. Gott habe ihm in dieser Zeit irgendwie die Kraft gegeben, trotz allem aufzustehen und sich den nächsten Attacken, die oft schon auf dem Weg zur Schule auf ihn warteten, zu stellen. Der Druck macht Jonny nervlich und seelisch kaputt. Selbstmitleid und Schuldgefühle prägten seinen Alltag. «Als Mobbingopfer fängst du irgendwann an, die Lügen der anderen zu glauben. Was andere über dich aussprechen, wird zu deiner Identität. Und so sank mein Selbstwertgefühl auf null runter.»

Mit zwölf Jahren war Jonny mit seiner Kraft am Ende. Er erinnert sich genau an jenen Tag, an dem er sich das Leben nehmen wollte. «Ich wollte einen Abschiedsbrief schreiben und dann vor einen Zug springen», erzählt der heute 23-Jährige. Doch sein Gedankenfluss sei wie blockiert gewesen. «Ich konnte nichts schreiben. Normalerweise konnte ich meine Gedanken problemlos auf Papier bringen, aber an diesem Abend kam nichts. Da war nur eine grosse Leere. Heute glaube ich, dass Gott mich an diesem Abend davor bewahrt hat, den Abschiedsbrief zu schreiben.»

Die Erlösung

So stand Jonny Fuchs wieder auf. Die depressiven Gedanken begleiteten ihn zwar weiterhin, aber er unternahm nie einen Suizidversuch. «Ich stand in meinem noch so jungen Leben vor der Entscheidung, weiterzukämpfen oder aufzugeben.» Bis zu seinem 7. Schuljahr hielt die Mobbingsituation noch an – dann kam die Erlösung: Jonny erhielt endlich die Erlaubnis, an einem anderen Ort zur Schule zu gehen. Damit entspannte sich vieles.

Wenn Jonny heute auf seine Leidenszeit zurückblickt, ist er dankbar; dankbar für seine Familie, die zu ihm gestanden ist und dankbar für Gott, der ihn getragen hat. Es sei wie beim Bild der Spuren im Sand. Als er das Gefühl hatte, er sei völlig am Boden und könne gar nicht mehr weiter, da habe Gott ihn getragen. «Gott hat mir Halt gegeben und hat mich nie aufgegeben, obwohl ich ihn sogar einmal verleugnet habe; als einer gespottet hat 'Gott gibt's doch gar nicht!', da mochte ich nicht mehr kämpfen und stimmte ihm zu. Danach fühlte ich mich wie Petrus, der Jesus dreimal verleugnet hat. Aber Gott hat wieder seine Hand nach mir ausgestreckt und mich angenommen. Mein Glaube wurde durch all diese Erfahrungen gestärkt.»

Der Friede

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Jonny Fuchs
Heute geht es Jonny Fuchs gut, wie er selbst sagt. «Ich habe heute Frieden und fühle mich seelisch und körperlich gesund. Was ich in der Zeit des Mobbings am meisten vermisste, habe ich jetzt gefunden: Ich habe zwei gute Freunde gefunden! Wir unterstützen einander gegenseitig im Leben.»

Das Thema «Mobbing» beschäftigt Jonny auch heute noch. Die Not in den Schulen sei nach wie vor gross. Er habe erlebt, dass die Behörden zwar zugehört haben, aber sie konnten auch nicht mehr viel machen oder sahen das Ganze einfach nicht so dramatisch. Deshalb erzähle er seine Geschichte. «Ich will damit auf das Thema aufmerksam machen und vor allem die Mobbingopfer ermutigen, dass es einen Weg gibt, den Kampf durchzustehen.» Er appelliert auch an das Umfeld der Opfer und der Täter, die Gefahren ernst zu nehmen und zu intervenieren.

Den Tätern, die ihm das Leben so lange schwer gemacht haben, hat Jonny Fuchs vergeben. «Ich bin ihnen heute nicht mehr böse und könnte ohne Groll einen Kaffee mit ihnen trinken.» Er möchte aber den Jugendlichen, die einen Schulkameraden oder eine Schulkameradin ausgrenzen und fertigmachen, eine herausfordernde Botschaft weitergeben: «Mit Mobbing lässt sich nicht spassen. Ich denke, dass jeder, der einen anderen mobbt, sich folgende Frage stellen sollte: Willst du für den Tod eines unschuldigen Menschen verantwortlich sein? Bei mir fehlte nicht viel und ich hätte mich umgebracht. Es gibt aber leider noch viel zu viele Mobbingopfer, die es tatsächlich tun und jedes davon ist eines zuviel.»

Sind Sie oder jemand in Ihrem Umfeld von Mobbing betroffen? Unsere Beraterinnen und Berater helfen Ihnen gerne weiter: Lebenshilfe von Jesus.ch

Sie können auch per E-Mail mit Jonny Fuchs Kontakt aufnehmen.

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Datum: 25.07.2018
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

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