Matt trotz Glanz

«Irgendetwas hat mich beschützt»

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Florian Schneider beim Orientierungslauf (Bild: ©Ulf Schiller / viertelstunde für den glauben)
Spitzensportler und Spitzensportlerinnen scheinen oft perfekt, diszipliniert und strukturiert. Sie erbringen Glanzleistungen und stehen im Rampenlicht. Was vielen nicht bewusst ist: Jede und jeder fünfte hat mit psychischen Problemen zu kämpfen. Das Schweigen zum Thema Depression im Spitzensport bricht Orientierungsläufer Florian Schneider mit seiner Geschichte, über die er ein Buch verfasst hat.

Florian Schneider, gebürtiger Berner, war schon immer sportbegeistert und aktiv. Er war sogar im Regionalkader für Tischtennis, als er sich im Teenager-Alter für den Orientierungslauf entschied, weil es ihm mehr Spass machte, durch den Wald zu rennen. Nach nationalen und internationalen Erfolgen wurde Schneider 2011 ins Juniorkader aufgenommen und konnte die Spitzensport-RS absolvieren. «Dann war der nächste Schritt für mich klar. Ich wollte ins Elitekader und den Anschluss an die Weltspitze erreichen», erzählt Schneider. Neben dem Orientierungslauf arbeitet er als Bauingenieur.

Seit sieben Jahren verfolgt der 28-Jährige sein Ziel. Er habe nach Verletzungen oft ein «grosses High», überraschende Erfolge erlebt, welche ihn die vorgängige Durststrecke vergessen liessen. Doch nach einer erneuten Verletzung im Winter 2017/18 blieben die erwarteten Resultate immer mehr aus. Es werde eine Abhängigkeit, immer besser werden zu wollen, zumal es auch der einzige Lohn und die einzige Bestätigung für den ganzen Verzicht und die Arbeit sei. Schneider erklärt: «Wenn diese Befriedigung langfristig ausbleibt, kann man in ein Loch fallen, was sicher alle Athleten und Athletinnen mal erlebt haben. Das Problem entsteht erst, wenn das Loch so gross wird, dass man nicht mehr rauskommt.»

Das Loch wird zu gross

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Als Jugendlicher entschied er sich gegen eine Karriere im Tischtennis.
Neben unerklärlichen Knieproblemen führten beruflicher Druck und die Angst, zu enttäuschen, zu Unzufriedenheit und Gleichgültigkeit. Das Training machte keine Freude mehr, Schneider hatte Mühe, am Morgen aufzustehen, und litt an Schlafproblemen. Er fragte sich, warum er überhaupt noch mit dem Orientierungslauf weitermachte, wenn er sich doch genauso seinem Beruf widmen und dort hätte Erfolge erzielen können. Doch er konnte und wollte sich ein Leben ohne Leistungssport nicht vorstellen. Daraus entstand ein inneres Dilemma. Schneider gibt zu: «Rückblickend kann ich sagen, dass sich die Anfänge einer Depression gezeigt hatten. Ich war aber nie ehrlich genug, um jemandem zu sagen, wie es mir wirklich ging.» Die Lage spitzte sich weiter zu bis zum Zusammenbruch im April 2019.

Nach einem kleinen Disput mit der Freundin stand Schneider in der Küche, das Messer in greifbarer Nähe. Warum sollte er sich nicht einen sichtbaren Grund für seine psychischen Schmerzen geben? «Zuerst kam der Gedanke, dass ich mich mit dem Messer am Knie verletzen könnte, und gleich darauf fragte ich mich: Warum nicht sogar mehr machen, damit ich mich gar nicht mehr mit diesen Problemen herumschlagen müsste?» Angsterfüllt stieg Schneider ins Auto und wachte nach ein paar hundert Metern wie aus einer Trance auf. Nun war ihm klar, dass er Hilfe benötigte.

Bewahrung – das Leben geht weiter

Ein Schutzmechanismus schaltete sich ein, als es wirklich gefährlich wurde, und bewahrte Schneider in dieser Situation. «Ich bin nicht sehr gläubig. Mir hat aber die Vorstellung von Schutzengeln immer sehr gefallen. Irgendetwas hat mich damals beschützt. Was es ist, weiss ich nicht.» Darauf holte sich Schneider professionelle Hilfe. Was ihm sehr half, war die Versicherung des Psychiaters, dass er nicht allein mit seinem Problem sei und es vielen anderen Menschen genau so gehe wie ihm.

Warum spricht man also nicht darüber, wenn es doch so verbreitet ist? Darauf antwortet Schneider, man sei als Leistungssportler privilegiert, könne auch ins Ausland gehen für Trainingslager und Wettkämpfe und werde dann auch mal von Aussenstehenden als «Schöggeler» bezeichnet. Dabei würden das Verzichten auf verschiedene Dinge und die zu erbringenden Leistungen ausgeblendet. Gleichzeitig habe jeder Athlet und jede Athletin schlechte Phasen, die es zu überwinden gelte. «Unter diesen Umständen getraut man sich natürlich weniger zu sagen, dass es einem nicht gut geht. Man hat Angst vor einer 'Tu doch nicht so'-Reaktion.»

Rückkehr zur Freude

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Buch «Matt trotz Glanz»
Heute geht es Schneider besser: «Ich bin offener geworden und habe gelernt, Dinge anzusprechen, die nicht gut laufen.» Obwohl Schneider letztes Jahr seine Position im Nationalkader verloren hat, will er sein Ziel, an die Weltspitze zu gelangen, weiterverfolgen. Ausserdem versuche er, mehr Freiheiten, wie Sonntage vor dem Fernseher, in sein Leben zu bringen. «Ich nehme mir zuerst Zeit für meine psychischen und körperlichen Baustellen, will mit meinem Coach an den Grundlagen arbeiten und dabei meine Freude am Spitzensport wiederfinden. Wenn es dann doch nicht klappt, habe ich es immerhin versucht und Spass daran gehabt.»

Schneiders Buch «Matt trotz Glanz» ist im Oktober 2020 erschienen. Es soll dafür sensibilisieren, dass psychische Probleme wie Depressionen normal sind und man darüber reden muss. Das Buch kann auf www.kaleidosbuch.ch bestellt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst in der «viertelstunde für den glauben».

Livenet führte vor einiger Zeit einen Talk zum Thema Depression durch, den Sie sich hier anschauen können:

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Datum: 08.06.2021
Autor: Melinda Attinger
Quelle: viertelstunde für den Glauben

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