Markus Walther

Ein Verdingkind findet seinen Vater

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Meck Walther (Bild: © best-image.ch)
Kinderheim, Verdingung, Drogen: Das Leben von Markus Walther war knallhart. Gott sei Dank hat der 46-jährige Familienvater heute ein geheiltes, weiches Herz – besonders für Menschen auf der Schattenseite des Lebens.

Ganz simpel «Meck» möchte Markus Walther aus Schwerzenbach ZH genannt werden. 1974 kommt er in Luzern zur Welt, seine Schwester ist acht, der Bruder sieben Jahre alt. Die Familie tingelt im Wohnwagen durchs Land, denn Mecks Mutter ist eine Jenische, der Vater arbeitet als Korbflechter und Messerschleifer. Blasse Bilder glücklicher Momente tauchen auf. «Ganz oben auf der grossen, mobilen Schleifmaschine zu sitzen, das habe ich sehr genossen», sagt Meck. Er ist drei, als seine Mutter ihren kurzen Kampf gegen den Krebs verliert. Sein alkoholkranker Vater sieht sich mit der Situation überfordert, bringt alle Kinder ins Heim nach Malters.

Martyrium und Missbrauch

Es beginnen Jahre des Martyriums und Missbrauchs für den kleinen Jungen. Meck erzählt von eiskalten Duschen und forcierter Nahrungsaufnahme bis zum Erbrechen. Einer der Heimbewohner habe sich besonders intensiv um ihn gekümmert, ihm nachts Besuche abgestattet, vorgegeben, die Pyjamahose kontrollieren zu müssen. «Lange glaubte ich, diese Erinnerungen hätte ich erfunden», sinniert Meck. «Bei solchen Erlebnissen mischen sich Realität und Fantasie, die Seele schützt sich so. Nach Einsicht in die damaligen Akten weiss ich, dass alles stimmt.»

Gürtel und Gott

1981 wird das Heim geschlossen. Getrennt von den Geschwistern schickt der Vater den Siebenjährigen als «Verdingbueb» auf einen Bauernhof im Luzerner Hinterland. Die Arbeit ist hart, Widerstand bedeutet Schläge mit Gürtel und Peitsche. Aus Angst nässt der Junge nachts ein. «Die Bäuerin band mir ein achteckiges Holzstück auf den Rücken, damit ich wach wurde, bevor ich 'musste'», erzählt Meck. «Alles war streng katholisch, sie zwangen mich zum Ministrantendienst. Dass man so brutal mit mir umgehen und zugleich Gott anbeten konnte, das brachte ich nicht auf die Reihe. An diesen Gott konnte und wollte ich nicht glauben.»

Meck hat auch Positives aus jener Zeit gespeichert, etwa die frische Röschti zum Frühstück, das Versteckspielen mit den Hofkindern im Heu, Fussballspiele – und die Fahrten mit dem Traktor… obschon ihn eine solche nach einem halben Jahr fast das Leben kostet.

Birnen und Schädelbrüche

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Die Taufe von Meck
Meck berichtet: «Wir waren mit den Nachbarn Birnenlesen. Unterwegs rutschte ich vom Traktor und das Hinterrad rollte über meinen Kopf. Dieser war 15-fach gebrochen, die Not-OP dauerte fast 20 Stunden. Nach 30 Tagen verliess ich das Krankenzimmer, kerngesund und bis heute ohne Folgeschäden.»

Drei Jahre bleibt er auf dem Hof, erzählt seinem Vater mehrfach von den Misshandlungen. Als ihm dieser Glauben schenkt und Meck nachhause holt, ist er zehn. Für eine Weile scheint die Welt in Ordnung. Der Vater heiratet nochmals, die Stiefmutter wird schwanger. Doch sie verliert das Kind, erkrankt an Krebs und stirbt schliesslich selbst. Noch vor dem Tod seiner Frau schickt der Vater seinen Sohn erneut in ein Heim. Unterdessen ist Meck zwölf. «'Nur für eine kurze Zeit', hiess es damals, doch es sollte für immer sein. Als ich 15 war, wollte mein Vater mich gar nicht mehr sehen.»

Liebe und LSD

Der Teenager findet Unterschlupf bei einem Erzieherehepaar, erfährt zum ersten Mal, was es heisst, geliebt zu werden und Familie zu leben: «Ich verdanke den beiden sehr, sehr viel!» Trotz Geborgenheit konsumiert Meck Cannabis, dröhnt sich an Technopartys und bald auch mit harten Drogen voll. Sieben Jahre ist er in dieser Szene unterwegs, schliesst dennoch die Schule und 1994 seine Lehre als Sportartikelverkäufer ab. Es folgt die Zeit des «Hörnerabstossens», wie Meck selbst formuliert. Er jobbt; mal als Würstchenverkäufer, mal als Weinlieferant, mehrheitlich als Taxifahrer. Ermutigt durch einen Kollegen wagt er 1999 eine Blindbewerbung als Sportartikelverkäufer, wird eingestellt und nach drei Wochen zum Filialleiter befördert. Mecks Karriere führt kontinuierlich in Kaderpositionen, stets im Detailhandel, vom Sport, über Schuhe bis zu Dekoartikeln.

«Du bist, was du hast!?»

Derweil erlebt er privat eine Berg- und Talfahrt. Mit 26 lernt er seine erste Frau kennen, heiratet 2002. «Mein Lebensmotto lautete 'Du bist, was du hast'. Ich definierte mich über meine Karriere, sie war mein Schutzpanzer.» Geld, Erfolg und Ehre – dafür rackert er sich ab, frönt dem Luxus. Doch das Leben kommt zu kurz, auch seine Ehe. «Ich war dominant und meine Partnerin kreiste nur um sich selbst», bilanziert Meck.

Unterdessen ist er Vater einer fünfjährigen Tochter. Es folgt die Trennung und einige Jahre später die Scheidung. In dieser Zeit begegnet Meck seiner heutigen Frau Evelyn. Er beginnt eine Beziehung – und betrügt seine Freundin kurz danach mit der Ex. Bitter enttäuscht von sich selbst beichtet er Evelyn den Fehlschritt. Diese schickt ihn dafür in die Wüste. Doch Meck gibt nicht auf, kämpft um Evelyn. Die beiden finden wieder zusammen, heiraten 2014 und bekommen drei Kinder. Meck ist in seiner Genossenschaftssiedlung nicht gerade als der freundlichste Zeitgenosse bekannt – im Gegensatz zum Hauswart. Regelmässig besucht dieser die Familie Walther und schenkt Meck ein Buch: «Es ging um Gott und solche Themen, ich konnte nichts damit anfangen.»

Kollaps und Neubeginn

Noch immer lebt Meck für seine Arbeit – und an seiner Familie vorbei. Bis zur Erschöpfungsdepression, als er sich selbst in eine Klinik einweist. Am Tag zuvor hatte ihm der Hauswart ein zweites christliches Buch geschenkt.

Es geschieht am 29. September 2018. Meck sitzt auf einer Bank vor der Klinik – beide Bücher seines Hauswarts intus und tief in Gedanken versunken. «Plötzlich machte alles Sinn», erklärt Meck und erzählt von jenem unvergesslichen Erlebnis: «Ich las gerade von einem Obdachlosen, der berichtete, wie über ihm 'der Himmel aufgegangen sei' – als mir auf einmal dasselbe widerfuhr. Eine gewaltige Welle von Glückseligkeit kam über mich. Die Liebe war so stark, ich musste fast eine Stunde lang weinen. Zugleich war ich traurig und schämte mich für den Mist in meinem Leben. Mir wurde klar, dass ich mich bei ganz vielen Menschen entschuldigen musste. Auch begriff ich, dass Gott mich seit Beginn bewahrt und in den schlimmen Zeiten nicht im Stich gelassen hat. Stets stellte er mir Menschen zur Seite, die es gut mit mir meinten. Ich hatte nicht an Gott geglaubt, aber er die ganze Zeit über an mich!»

Verwandelt und weicher

Wieder zuhause, ist Meck wie ausgewechselt, wundert sich, dass ihn die Nachbarn auf einmal grüssen und die Kinder im Quartier nicht mehr davonlaufen. Evelyn freut sich sehr über die Wandlung ihres Mannes; die aufgestellte Latina pflegt schon lange eine Freundschaft mit Jesus. Meck möchte mehr über den christlichen Glauben erfahren, besucht die Abendbibelschule einer Freikirche und sonntags mit Evelyn und den Kindern die Gottesdienste. Bald lässt er sich taufen. Auch mit seinem leiblichen Vater ist er heute versöhnt und pflegt wieder Kontakt. Mecks hartes Wesen ist einer neuen Sensibilität gewichen – speziell für schwache und benachteiligte Menschen. Wo sie kann, engagiert sich die Familie. Sie backen und verkaufen zusammen Kuchen für gute Zwecke, helfen Ausländern bei Behördengängen und unterstützen mittellose Menschen und Landsleute von Evelyn in der Dominikanischen Republik finanziell. Auch wenn Meck noch impulsive Momente kennt: Bei Walthers weht ein neuer Wind.

Wie heisst das Buch, das Mecks Leben umkrempelte, doch gleich? «Love Your Neighbour» («Liebe deinen Nächsten»)!

Sehen Sie sich hier das Interview mit Meck Walther von WunderHeuteTV an:

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Datum: 09.05.2020
Autor: Manuela Herzog
Quelle: Jesus.ch

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