Ex-Sklave Simon Deng

Ich, der Totgeglaubte

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Simon Deng in der Schweiz. Auf der Stirne deutlich zu sehen: die Schmucknarben des Stammes Shiluk (Fotos: CSI).
Simon Deng war neun Jahre alt, als er gekidnappt wurde. In die Fremde verschleppt, musste er als Sklave dienen. «Ich hoffte auf Gott.» Nach jahrelanger Tortur gelangte der Sudanese in Freiheit. Heute engagiert er sich für den christlichen Süden des Landes und die, die immer noch versklavt sind. Ab September 2009 will er mit einem Freiheits-Marsch auf die Not aufmerksam machen.

Heute lebt Simon Deng (50) in den USA, er macht auf die Verbrechen im grössten Flächenstaat Afrikas aufmerksam. Im Gespräch mit dem Menschenrechtler aus dem Süden des Sudan zeichneten wir seine Geschichte auf: «Ich war neun Jahre alt, als ich im Südsudan von einem Araber entführt und in den Norden des Landes gebracht wurde. Er gab mich als Geschenk weiter. Vorher war ich geliebt und umsorgt.

Nun musste ich für meinen „Besitzer" arbeiten. Wortwörtlich wie ein Esel. Es gab kein fliessendes Wasser, dieses musste man von weit herholen. Dazu hatten sie nun mich. Bei anderen trug der Esel das Wasser oder sie mussten es kaufen. So musste ich morgens als erster aufstehen und abends kam ich als letzter in Bett.

«Sklave», «Boy»!

Darüber hinaus wurde ich beschimpft und man sah mich nicht als Menschen an. Ich war der „Abid" („Sklave") oder der „Boy". Ich musste auch separat essen, ich erhielt das, was übrig blieb, das, was meine „Besitzer" nicht assen.

Als Kind hat man ja eigentlich nicht die körperliche Verfassung, so anzupacken. Mir blieb aber nichts anderes übrig, als zu allem „Ja" zu sagen. Sonst wurde ich auch geschlagen - auch dann, wenn ich nicht laut genug „Ja" sagte. Manchmal wurden auch Gründe erfunden, um mich zu prügeln.

Kinder in meinem Alter droschen ebenfalls auf mich ein. „Schlagt den Sklaven, schlagt den Sklaven", riefen sie. Ich konnte mich nicht wehren. Hätte ich es getan, wäre es noch viel schlimmer geworden. Es ging so lange, bis sie sagten, „nun ist es genug". Ich konnte nur nach Gnade rufen. Mit anderen Kindern spielen kam nicht in Frage. Ich war schliesslich der Sklave.

Gott - die einzige Hoffnung

Ich konnte einzig auf Gott hoffen. Dass jemand kommt, der mich befreit. Dreieinhalb Jahre hoffte ich und träumte davon, dass es morgen besser wird.

Ein Ausweg wäre gewesen, wenn ich zum Islam konvertiert wäre. Die Besitzer, zu denen ich „Mutter" und „Vater" zu sagen hatte, hätten dann einen arabischen Namen für mich ausgewählt und mich ab dann „Sohn" genannt. Konvertieren hätte aber bedeutet, dass ich meine Identität aufgeben würde. Zudem hatte ich ja im Süden einen wunderbaren Vater, Mutter, Schwestern und Brüder. Sie hatten mir Liebe gegeben. Ich hatte eine Familie. Immer wieder sagte ich: „Ich werde es mir überlegen." So gewann ich Zeit. Ich dachte immer, dass es morgen besser wird.

Weglaufen war keine Option. Immer wenn ich geschlagen wurde, zeigte man mir ein Bild eines Menschen auf einer Banknote, der keine Beine hatte. Damals war auf einer sudanesischen Note eine Person ohne Beine. Dieses Bild zeigte man mir immer und man sagte: „Schau es dir gut an. Wenn du auch nur daran denkst, wegzulaufen, schneiden wir dir die Beine ab." Ich glaubte, dass sie das tun würden.

Die Hoffnung kehrt zurück

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Hier spricht Simon Deng in Bern auf der Kundgebung für Religionsfreiheit.
Dann zog die Familie in eine grosse Stadt. Dort sah ich auf der Strasse Männer, die Schmucknarben trugen, wie wir sie im Stamm Shiluk tragen. Ich hatte diese Narben noch nicht. Aber für mich waren meine Gebete beantwortet. Ich sah Hoffnung. Als wäre die Sonne aus dem Nichts heraus aufgegangen. Dreieinhalb Jahre hatte ich niemanden von meinem Stamm gesehen.

Ich sagte ihnen, dass ich ebenfalls ein Shiluk sei und erklärte ihnen meine Situation und wie mein Dorf im Süden hiess. Einer erklärte, dass er jemanden kenne, der aus diesem Dorf stammt. Mich befiel Angst, dass mir nicht geholfen würde, und ich weinte. Da sagte einer: „Keine Angst, wir glauben dir. Wir nehmen den anderen Mann mit und treffen uns morgen wieder hier."

Ich, der Totgeglaubte

Am nächsten Tag war ich als erster da. Sie kamen zu viert. Ich kannte den Mann, den sie mitbrachten. Er brach in Tränen aus. Niemand hatte nämlich gewusst, was mit mir geschehen war. Mein Vater hatte dem zehn Kühe versprochen, der mich finden würde. Nach zweieinhalb Jahren hatte man aufgegeben und mich für Tod erklärt. Nun sah dieser Mann mich, den Totgeglaubten.

Wir trafen uns nun täglich, bis zu dem Moment als er sagte: „Morgen gehen wir zurück."

Die Rückreise dauerte zweieinhalb Tage. Meine Eltern hatten nichts davon erfahren, es gab damals kein Telefonnetz. Ich werde die Szene nie vergessen. Sie kamen von den Feldern zurück. Es war ein Moment des Schocks, der Freude - alle kamen zusammen und meine Mutter verlor fast den Verstand. Wir weinten, es war unglaublich. Ich finde die richtigen Worte kaum.

Narben und ein Champion

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Deng berichtet über die Lage in seiner Heimat. Links im Bild: CSI-Geschäftsführerin Annette Walder.
Als ich zurück war, wurde ich wieder zum Menschen. Als erstes liess ich mir die Stammesnarben machen. Ich hoffte, dass man so kein Interesse mehr haben würde, mich zu verschleppen, da ich jetzt als Shiluk kenntlich war. Nun blieb ich aber immer im Dorf, denn ich war damals in einer Stadt entführt worden. Die Stadt war nun vorerst tabu.

Später dann zog ich nach Khartum, in die Hauptstadt. Ich wurde ein guter Schwimmer. Ich wollte nicht mehr erniedrigt werden. Mit der Zeit wurde ich ein Champion und ich erhielt einen Status.

Im Süden leben viele Christen, die sind aber im Norden nicht so willkommen, dort herrscht die Sharia. Für die Christen und andere Menschen aus dem Südsudan wollte ich mich nun stark machen, für ihre Glaubensrechte.

Sexuelle Attacken

Sie wollen Khartum reinigen, einerseits von Schwarzen und von Christen im speziellen. Wegen dem langen Krieg im Süden flüchteten viele Schwarze. Rund zwei Millionen südsudanesische Christen leben rund um Khartum in Lagern und Slums. Sie haben kein fliessendes Wasser, keine Spitäler, nichts. Gerne werden Feste gefeiert, bei dem es auch Alkohol gibt, aber keine Gelage. Aber die Sharia verbietet das und es wird als Verbrechen angesehen. So werden zum Beispiel Frauen verhaftet, wenn sie diese Getränke herstellen. Sie werden sexuell genötigt, die Polizei zeigt ihre Macht. Manche müssen für drei bis sechs Monate ins Gefängnis. Viele kriegen ihre Kinder dort, kaum eines überlebt.

Als Schwimmchampion ging ich nun in ein solches Gefängnis, um die Lage anzusehen. Als ich am frühen morgen kam, wurden gerade tote Babys weggebracht, aus allen drei Gefängnisssen, die ich besuchte. Das traf mich. «Oh mein Gott! Und niemand sagt etwas», dachte ich mir.

Doch das passte der Regierung nicht. Ich sei als Schwimmer respektiert und hätte meinen Platz in der Gesellschaft - ich solle meine Nase nicht in etwas stecken, das mich nichts angeht.

Das One-Way-Ticket

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Der Sudanese im Gespräch.
Aber ich wollte nicht dasitzen und meine Augen verschliessen. Ich wusste genau woher ich kam. Es braucht jemand, der für diese Unterdrückten redet. Ich kaufte ein One-Way-Ticket in die USA. Ich drehte der Regierung in Khartum den Rücken. Ich brauchte einen Ort, wo ich für meine Leute einstehen konnte. Wo ich für die sprechen kann, die keine Stimme haben. Denn die UN beispielsweise hat im Sudan total versagt, ich nenne sie die „Do Nothing Organisation". Im Sudan kann man einen Menschen für zehn Dollar kaufen. Die UNO ist darüber informiert. Sie tut nichts.

1990 organisierte ich auf der Columbia Universität in den USA eine Kampagne gegen die Sklaverei. Die Regierung des Sudan will natürlich nicht darüber reden. Aber es gibt die Sklaverei noch immer, 200 Jahre nach Abraham Lincoln, der sie Verbot.

Ich habe schon verschiedene Freiheitsmärsche organisiert. Und im September 2009 beginne ich den nächsten. Er wird zwei Monate dauern und er führt von Licolns Heimatstadt Springfield in Chicago ins Freiheitszentrum in Cincinnati, Ohio wir werden unterwegs die alten Sklavenlieder singen. Es ist wie Nelson Mandela sagte, der Weg in die Freiheit ist nie kurz.»

In der Schweiz sprach Simon Deng in Schulen, Kirchen und andernorts über die Sklaverei, die in seiner Heimat noch heute geschieht. Eingeladen hatte ihn Christian Solidarity International (CSI).

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Zu ihm schrie Simon Deng in der Not:
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Datum: 19.03.2009
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Jesus.ch

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