Bekehrung

Ende oder Anfang eines Abenteuers?

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Viele christliche Bücher mit spannenden Lebensgeschichten enden mit oder kurz nach der Hinwendung der Hauptperson zu Gott. Bis zu diesem Punkt ist ihr Leben abenteuerlich, aufregend, erschüttend ... kurz: berichtenswert. Dann kommt die Lebenswende. Die Person beginnt ein Leben mit Jesus. Und das ist anscheinend so wenig packend, dass das Buch nach wenigen Seiten zu Ende ist. Sind Christen Langweiler? Heisst «mit Jesus leben» angepasst, unauffällig, brav, vorsichtig leben?

Johannes Wirth ist Pfarrer einer Freikirche, die aus allen Nähten platzt und vor einiger Zeit Schlagzeilen machte, weil sie seit Februar dieses Jahres ihre Gottesdienste aus Platzgründen in einem Zirkuszelt feiert. Ein Langweiler ist er ganz sicher nicht. Geht er Wagnisse, Abenteuer ein, obwohl er Christ ist - oder weil er Christ ist?

Ein abenteuerliches Leben

Ich habe zwei Phasen erlebt. Nach meiner ersten Hinwendung zu Gott lebte ich gemäss dem Motto «Das Ticket in den Himmel hab ich in der Tasche, also mach ich's mir gemütlich.» Klar, dass so ein Leben alles andere als spannend war. Dann, mit 22 Jahren, wagte ich nochmals einen Schritt auf Jesus zu und entschied mich, durch dick und dünn mit allem, was ich bin, Gott zu dienen. Von da an begann ein spannendes, aufregendes, ja abenteuerliches Leben.

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Sie würden also behaupten, dass ein Leben mit Gott nicht nur attraktiv ist, weil es «den Himmel» verspricht, sondern dass es schon hier und jetzt eine Menge zu bieten hat?

Aber klar. Das Leben mit Gott gibt mir Lebenssinn, Aufgabe, Inhalt, Selbstwert, Geborgenheit, Mut, etwas zu wagen ... Es stimmt, die Gewissheit auf das Leben nach dem Tod gibt mir Sicherheit und eine gewaltige Perspektive. Aber das Miterleben, wie Gott hier und heute meine Gaben gebraucht und dadurch Menschenleben sich verändern, ist spannender als jeder Actionfilm. Mit Gott als Fundament kann ich Dinge wagen die ich ohne ihn nie gewagt hätte.

Prioritäten setzen

Ich denke an meine Zeit als Versicherungsverkäufer. Mein Chef meinte damals, um erfolgreich zu sein, müsste ich jeden Abend in meinen Beruf investieren. Ich wagte es trotzdem, meinen Lebensprioritäten entsprechend zwei von fünf Wochenabenden «für Gott einzusetzen». Dennoch war ich mit meinem Umsatz nach einem Jahr an der Spitze aller Verkäufer.

Ähnlich erging es mir als Sportartikel-Importkaufmann. Ein Traumberuf. Doch einerseits war ich unterqualifiziert, und andererseits wurden Überstunden bis spät in die Nacht hinein als selbstverständlich vorausgesetzt. Gleichwohl riskierte ich es, die Familie nicht zu vernachlässigen und nach wie vor Leitungsaufgaben in der christlichen Gemeinde wahrzunehmen - und konnte doch neue Märkte in China erschliessen und erfolgreich neue Produktelinien einführen.

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Mit Gott etwas wagen

Dann all die Abenteuer in meiner Zeit als Pastor. Zum Beispiel die Gründung der Quellenhofstiftung ohne finanzielles Polster (heute 36 Mitarbeiter); der im letzten Sommer gegründete «Stiftezmittag»; der Traum vom im Februar eröffneten Zirkuszelt mit 700 Sitzplätzen, um «Platz für Fründe» zu schaffen . Bei allen Hochs und Tiefs, allen Erfolgen und Rückschlägen haben wir erfahren: Mit Gott können wir echt etwas wagen.

Aber Hand aufs Herz - ob jemand ein spannendes, abenteuerliches Leben lebt oder ein langweiliges, angepasstes, eintöniges, hängt das nicht mehr vom Temperament und von den äusseren Umständen ab als von der Beziehung zu Gott? Ein Draufgängertyp wird mit oder ohne Glauben an Gott immer wieder was wagen und erleben. Ein ängstlicher Typ oder das sprichwörtliche Phlegma wird auch mit Gott kein abenteuerliches Leben leben, oder?

Nein, meines Erachtens ist das nicht nur und nicht in erster Linie eine Typenfrage. Entscheidend ist: Haben Menschen eine Vision, eine Sicht dafür, wozu sie leben und was Gott durch sie tun möchte? Viele haben irgendwann in ihrem Leben, vielleicht schon als Kinder, klar empfunden, wofür Gott sie in diese Welt gestellt und begabt hat. Doch im Laufe der Zeit haben sie das aus den unterschiedlichsten Gründen aus den Augen verloren. Wenn aber eine solche Lebenssicht fehlt - warum dann etwas wagen?

Sicher gibt es ausgesprochene Pioniertypen wie mich. Aber gerade als Pioniertyp habe ich die Aufgabe, Menschen mit anderen Persönlichkeitsprägungen herauszufordern und ihnen eine Plattform zu geben, im Rahmen einer helfenden und stärkenden Gemeinschaft ihren eigenen Platz zu finden. Den Platz, an dem sie innerhalb eines Teams mit ihren Gaben an der grossen Vision mitarbeiten können: Die Welt im Auftrag und im Sinne Gottes mitzugestalten und Menschen mit der Liebe Gottes bekannt zu machen. So wird das Leben für alle spannend. Für alle? Ja, für alle, die bereit sind, von ihrem Sofa aufzustehen, Sicherheit versprechende Traditionen aufzugeben und - gemeinsam mit Pioniertypen - um Gottes willen etwas Tapferes zu wagen.

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Nur wer nichts tut, macht auch keine Fehler

Nun heisst aber «wagen» auch, mit der Möglichkeit des Scheiterns zu rechnen. Können sich Christen Scheitern leisten? Bedeutet Scheitern nicht auch Schiffbruch des Glaubens an einen allmächtigen Gott?

Scheitern tönt so endgültig. Ich möchte lieber das Wort Stolpern gebrauchen. Wenn wir in unserem Leben oder in einer Aufgabe stolpern, bedeutet das noch lange nicht Schiffbruch des Glaubens. Die Frage ist, was nach dem Stolpern kommt. «Ein Gerechter fällt siebenmal und steht wieder auf», heisst es in der Bibel. Die Frage ist, ob wir ein Netz von Beziehungen haben, in das wir fallen können, wenn wir gestolpert sind; wie ehrlich wir dann mit dem Versagen umgehen, ob wir es leugnen oder ehrlich dazu stehen; und vor allem, ob wir wieder aufstehen.

«Nur wer nichts tut, macht auch keine Fehler», heisst ein Sprichwort. Wenn ich mich dem allmächtigen Gott mit Haut und Haaren, mit meinen Gaben, meiner Phantasie und allem Drum und Dran anvertraue, heisst das nicht, dass mir immer alles gelingen muss. Es heisst vielmehr, dass dieser Gott mich in der Hand hat, mich begleitet, festhält und trägt, was auch immer mir im Leben zustösst, gelingt oder auch schief geht. Deshalb kann ich abenteuerlich leben und weiss, dass auch Scheitern - Stolpern! - letztlich keine Katastrophe ist.

Autor: Johannes Wirth

Datum: 23.08.2003
Quelle: ERF Schweiz

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