Sommer-Serie

Doris Lindsay: Das grosse Feuer

Zuversicht und Hoffnung während der Coronazeit? Genau diesem Thema widmete Andreas Boppart, Missionsleiter von Campus für Christus, ein Buch. Er lässt dabei verschiedene Persönlichkeiten zu Wort kommen. Doris Lindsay, Co-Leiterin von HopeTown Südafrika, erzählt wie sie inmitten einer Feuerkatastrophe sich mit der schwarzen, kahlen Landschaft identifizieren konnte und sich daraufhin neu Gott zugewendet hat.

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Doris Lindsay
Es war eine sternenklare Nacht im Sommer 2015. Die Grillen zirpten, das Fenster in unserem Haus in Südafrika stand weit offen und ich war gerade dabei, die Kinder zu Bett zu bringen. Während des Nachtgebets roch ich plötzlich Rauch. Noch während ich betete, fragte ich mich, ob unsere Nachbarn etwa noch ein Barbecue planten.

Feuerkatastrophe

Ich ging zum Fenster und wollte den Vorhang zuziehen, als meine Augen durch den Spalt die rote Linie am Horizont erblickten. Sogar in dieser pechschwarzen Nacht konnte man den qualmenden Rauch sehen, der von diesem roten Streifen zum Himmel strömte. Ich riss den Vorhang zur Seite und schrie auf. Die Kinder sprangen aus ihren Betten und wir schauten ungläubig zum Horizont: Da war Feuer. Unser Berg stand lichterloh in Flammen.

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Doris Lindsay inmitten von Blumen
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, dass das Feuer in den nächsten 24 Stunden unsere ganze südliche Bergkette ergreifen würde, dass einige Häuser und Weinfarmen sowie mein über alles geliebter Fynbos (das florale Königreich im Südwesten Südafrikas) niederbrennen würden. Die Katastrophe hatte erst begonnen. Doch was ich damals auch noch nicht wusste, war, dass ich Gott durch dieses Feuer ganz besonders erleben und in meiner damaligen Lebenskrise neue Hoffnung finden würde.

Lockdown

Während ich nun diese Zeilen schreibe, befinden wir uns in Südafrika in einem strikten Lockdown, einem Hausarrest von 35 Tagen, wo wir unser Haus nicht mehr verlassen dürfen. Schon jetzt ist die Rede davon, dass er verlängert wird. Die Polizei kontrolliert die Strassen und die Armee ist präsent. Wir dürfen nur für dringende Essenseinkäufe aus dem Haus.

Die sozialdiakonische Arbeit, die wir normalerweise tun, liegt auf Eis. Die jungen Menschen, um die wir uns kümmern und die aus schwierigen Verhältnissen kommen, mit Missbrauch und Gewalt an der Tagesordnung, sind ebenfalls zu Hause eingesperrt, im schlimmsten Fall zusammen mit ihren Peinigern. Neben den häuslichen Gefahren und den terrorisierenden Gangs schleicht nun auch noch ein Virus durch die Gassen. Ein unsichtbarer Feind, vor dem sich alle fürchten, der viel Argwohn produziert und uns vor Beklemmung kaum atmen lässt. Wir sind isoliert und die Zukunft ist alles andere als klar. Ich habe keine Ahnung, wie unsere Arbeit in Zukunft aussehen wird, wann wir das Jugendzentrum und die Programme wieder starten können.

Noch härter als gedacht

Meine Gefühle in dieser Krise kommen mir verdächtig bekannt vor. Habe ich Ähnliches nicht schon mal erlebt? Im Jahr 2012 sind wir als Familie nach Südafrika gezogen. Wir waren sehr motiviert und wussten: Dies ist ein Lebensabschnitt, zu dem wir uns berufen fühlen. Wir gaben unsere Jobs als Schulleiter einer privaten Institution auf. Eine Aufgabe, die wir lange mit Leidenschaft und Erfolg ausgeübt hatten. Wir verliessen unsere Heimat, das Land, das wir liebten, den Ort, wo unsere Familien und Freunde zu Hause sind. Die zurückliegenden 15 Jahre waren fruchtbar gewesen. Wir hatten viel in Menschen investiert und kompetente Mentoren auf unserem Wachstumspfad erlebt, Wohlwollen und Unterstützung erfahren. Unser soziales Umfeld war intakt und unser Freundeskreis gross.

Mit dem Wegzug aus der Schweiz in ein Land, in dem wir bei Null anfangen mussten, ausgerüstet nur mit der Hoffnung, dass Gott uns hier gebrauchen wollte, erlebten wir schon nach einigen Monaten die Ernüchterung. In Ocean View, einem ehemaligen Township mit Menschen, die viel Gewalt, soziale Ablehnung und Missbrauch erlebt hatten, startete unsere Arbeit. Wir standen Menschen gegenüber, die in ihrem Leben wenige soziale Fähigkeiten gelernt hatten und denen die Grundlagen von Vertrauen und gesunder Gemeinschaft fehlten. Wir wurden nicht freundlich empfangen oder mit Dank überschüttet. Die Menschen waren so mit sich selbst und ihren Problemen beschäftigt, dass sie die Opfer, die wir gebracht hatten, um ihnen zu helfen, gar nicht wahrnahmen. Sie vertrauten uns nicht, das ganze erste Jahr nicht. Es war hart. Wir investierten monatelang mit viel Herzblut und es kam sehr wenig zurück. Unsere Berufung zur Liebe und Hingabe an diese Menschen wurde einem harten Test unterzogen.

Emotionale Krise

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Doris und Stefano mit Kindern in der Schwarzensiedlung.
Zudem lief es in dem Team, in dem uns unsere Organisation platziert hatte, nicht gut. Der extrem autoritäre Stil des Leiters verhinderte gesundes Wachstum und eine fröhliche Teamkultur. Mich stürzten diese herausfordernden Situationen in eine emotionale Krise. Ich vermisste meine Freunde. Ich trauerte um meine frühere Position. Ich schaute zurück und sah all die guten und sinnerfüllten Möglichkeiten in der Vergangenheit. Ich sehnte mich nach Anerkennung wie in früheren Beziehungen. Ich fühlte mich wertlos und unnütz. Es war, als sei meine Identität vom Sockel gerissen worden, und ich fragte mich ernsthaft, wie lange ich das noch aushalten würde. Ich schlief schlecht und weinte immer wieder mal. Einsamkeit machte sich breit und es fühlte sich an wie ein schwarzes Tuch, das über mich gezogen wurde und mir meine Lebensfreude stehlen wollte.

Obwohl wir uns vor unserer Ausreise auf harte Zeiten eingestellt und von vielen anderen Menschen gehört hatten, die ähnlich Schwieriges erlebt hatten, traf es mich mit voller Wucht. Zukunftsängste taten sich auf und ich sah kein Licht am Ende des Tunnels. Doch erstaunlicherweise wussten wir immer, dass wir am richtigen Ort waren. Wir hatten Gott im Vorfeld so klar erlebt und waren uns sicher: Er hatte uns hierher geschickt. Die Hoffnung, dass Gott in diesem Township etwas tun wollte, war tief in uns verankert.

Doch der Prozess war schmerzhaft. Ich rang mit Gott und seiner Berufung für mich. Ich klagte ihn an und fand es schwierig, dass ich einen grossen Teil meiner Gaben und Fähigkeiten nicht mehr einsetzen konnte. Ich besuchte viele Menschen jeden Tag im Township und im Gefängnis. Ich konnte sie nicht retten und wusste auch, dass dies nicht meine Aufgabe war. Doch die wiederkehrenden Probleme waren ernüchternd und ermüdend.

Verbranntes Leben

In diese Zeit fiel das Feuer. Das alles vernichtende Feuer, das die Pflanzenwelt und noch vieles mehr einfach verschlang. Auf den ersten Blick war alles weg. Es gab nur noch Steine. Eine kahle Öde tat sich vor uns auf. Unser Berg war schwarz, wie auch die ganze südliche Bergkette auf unserer Halbinsel. Während Wochen dampfte und qualmte es. Asche regnete auf unsere Häuser nieder und alles war dreckig. Polizei, Armee und Feuerwehr sowie ein Heer von Volontären waren pausenlos im Einsatz. Auch ich war mit nassen Tüchern bewaffnet auf dem Berg und schlug auf die Erde. Unsere Gummisohlen schmolzen von der Hitze im Boden. Es waren Szenen wie aus einem apokalyptischen Film.

Als ich eine Woche nach dem Brand über die Bergstrasse fuhr und das Auto mitten im Brandgebiet anhielt, überkam mich eine starke Trauer. Es sah aus wie auf dem Mond. Nicht dass ich gewusst hätte, wie es dort aussah, doch so stellte ich mir die Mondlandschaft vor. Wo früher die schönsten Sträucher und Blumen gewuchert hatten, waren nur noch Staub und verkohlte Erde übrig. Eine kahle, schwarze Landschaft mit immer noch leicht qualmenden dünnen Baumstrünken, die wie Grabsteine aus dem Boden ragten. Der Wind blies mir die Asche in die Nase und ich hustete.

In diesem Moment vernahm ich die Stimme in mir, die sich schon öfter als Reden Gottes herausgestellt hatte. Ich spürte, wie er mir aufzeigte, dass es auch in meinem Leben so aussah. Mein früheres Leben war verbrannt. All das Schöne, das ich je erlebt hatte, was mich erfüllte oder glücklich machte in meinem Job, war weg. Ich liebte es, zu predigen und zu lehren. Nichts von dem konnte ich mehr tun. Ich liebte die Kleingruppen, die ich gegründet hatte, und die Menschen, die mit mir das Leben geteilt hatten. Sie waren weit weg und lebten ihr Leben nun ohne mich. Ich dachte an unser Team, das wir über Jahre geleitet hatten. Es hatte nun andere Leiter. Ich erinnerte mich an all die Menschen, die mir gedankt hatten, dass ich ihnen in irgendeiner Weise geholfen hatte. Doch dies war Vergangenheit.

Meine Füsse berührten einen schwarzen, stinkenden und dreckigen Boden und ich steckte in einer Arbeitssituation, die ich so nicht gewählt hätte. Wer war ich nun noch? Ich fühlte mich als ein «Nobody», gefangen in einer Berufung, die ich mir so nicht vorgestellt hatte. Ich stand mit meinen weissen Turnschuhen, die schwarz wurden von der Asche, inmitten der grössten Identitätskrise, die ich je gehabt hatte, und trauerte um mich selbst.

Neu Gott zugewendet

Doch Gott ist ein Gott, der Hoffnung gibt. Er lässt uns nicht alleine und weiss um unsere Krisen. In diesem Moment, auf diesem Berg, zeigte er mir, wer ich bin. Es ging gar nicht darum, was ich für Gott tun konnte und was ich brauchte.

Es ging nicht um mich, sondern um den Gott, der mich geschaffen hatte. Vertraute ich ihm? War er mir wichtiger als ich mir selbst? Ich fühlte, wie Gott mich fragte, ob ich bereit sei, in einer nicht erfüllenden Arbeitssituation zu bleiben und den Menschen im Verborgenen zu dienen, mit dem Wissen, dass er mit mir ist und mir die Anerkennung geben wird, die ich brauche.

Getroffen von Gottes Gegenwart traf ich eine Entscheidung. In meinem Herzen betete ich und legte Gott meine Krise zu Füssen. Ich bat ihn um Vergebung für meine Selbstsucht und meinen Egoismus. Ich legte ihm meinen Schmerz und meine Einsamkeit hin. Mein Ringen mit meinen zukünftigen Chancen und Möglichkeiten. Ich fühlte, wie ich meine Berufung und meine Vorstellung von Berufung in die Asche legen sollte. Ich tat es und wandte mich neu Gott zu.

Ich kam verändert herunter von dem Berg mit einer neuen Blickrichtung und der Erkenntnis, dass diese Krise meine grösste Chance war. Mehr von Gott und weniger von mir. Das ist zwar schwierig aber auch befreiend. Wenn wir anstatt uns selbst dem vertrauen, der uns geschaffen hat, kann Heilung geschehen. Ja, heute bin ich überzeugt, dass Gott durch Krisen heilen und wiederherstellen will.

Gott ist Teil unserer Krise

Auch wenn sich Umstände verändern, unsere Vorstellung vom Leben auf den Kopf gestellt wird und wir so richtig durchgeschüttelt werden durch schwierige Erlebnisse, ist Gott nicht abwesend, sondern immer an unserem Herzen interessiert. Er sehnt sich nach einer Beziehung mit uns und will Teil unserer Krise sein, und zwar als derjenige, der uns trägt und an dem wir uns ausrichten.

Nach jedem Feuer spriesst neues Leben in der Natur. Aus den Wurzeln heraus wachsen die neuen Pflanzen und manchmal geht es schneller, als man denkt. Die Vegetation und die Landschaft sind nicht mehr dieselben – doch es wird wieder grün.

Ja, meine Gefühle von Hilflosigkeit in dieser momentanen Weltkrise erinnern mich an die Zeit vor dem Feuer. Doch sie ist deine und meine Chance. Wir können uns Gott hingeben, ihm vertrauen und – anstatt uns zu bedauern – seine einladende Hand annehmen und mit ihm vorwärtsgehen. Durch die Asche hindurch, mit dreckigen Schuhen und einem offenen Herzen für die Zukunft.

Zur Person:

Doris Lindsay, Co-Leiterin von HopeTown Südafrika und Gründerin von More than pretty sowie Blumen schnuppernde Visionärin, hofft – sehr zum Leidwesen ihres Ehemanns – auf Flohmärkten stets auf Schnäppchen.

Im Livenet-Talk «Das neue Hoffnungsbewusstsein» erzählt Doris Lindsay unter anderem über den Lockdown in Südafrika:


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Datum: 15.08.2020
Autor: Doris Lindsay
Quelle: Buch «Hoffnung – Zuversicht in Zeiten von Corona»

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