Ruth Jucker

«Für mich ist jeden Tag Weihnachten!»

1995 gründete sie in Schattdorf das Haus Magdalena. Die Stiftung «Leben gewinnen» bietet Menschen in Not vorübergehend ein Zuhause. Mit Jesus rechnet Ruth Jucker jeden Tag ganz konkret. Was sind ihre Hoffnungen und Erwartungen für die Region und die Menschen, die der gebürtigen Ostschweizerin so stark ans Herz gewachsen sind?

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Ruth Jucker
Ruth Jucker, Sie sind ja im Kanton Thurgau aufgewachsen. Wie kam es zu Ihrer Liebe zum Urnerland?
Ruth Jucker
: Das waren vor allem zwei Faktoren, die dazu geführt haben: Erstens war es eine Führung Gottes, dass ich hier eine Gelegenheit fand, um in einer Bauernfamilie und später als freiberufliche Hebamme zu arbeiten. Und dann war da noch meine Liebe zu den Bergen, die ich schon ein erstes Mal verspürt hatte, als ich im Wallis als Hebamme arbeitete. Was mich dann endgültig mit dem Urnerland verbunden hat, war das Haus Magdalena, das ich in den 1990er-Jahren zusammen mit einem Ehepaar gründen konnte. Nun lebe ich schon bald 40 Jahre im Kanton Uri und bin hier zu Hause.

Was schätzen Sie an den Menschen hier?
Als Hebamme hatte ich natürlich eine spezielle Rolle, da ich die Familien in einer besonderen Phase ihres Lebens begleiten durfte. Da kommt man einander natürlich sehr nah – zumal ich in meiner ersten Zeit als freiberufliche Hebamme immer Hausgeburten begleitete. Da erlebte ich schüchterne, bodenständige Bauernfrauen ebenso wie alternative Lehrerinnen, die sich für eine Hausgeburt entschieden. Die Urner waren mir von Anfang an wohlgesinnt, offen und freundlich. Ich habe immer wieder über die gute familiäre Vernetzung in dieser Region gestaunt.

Wie pflegen Sie heute als Rentnerin den Kontakt zur Bevölkerung?
Zum Beispiel am Wochenmarkt, da komme ich oft ins Gespräch mit den Menschen und spüre eine grosse Dankbarkeit von den Frauen, die ich einmal eine gewisse Wegstrecke begleiten durfte. Eine Frau während der Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett zu begleiten, ist etwas Besonderes. In der Regel ist die Geburt ja auch ein freudiges Ereignis. Da bleiben schöne Erinnerungen zurück.

Bald feiern wir ebenfalls eine Geburt, jene von Jesus Christus. Was bedeutet Ihnen Weihnachten?
Für mich ist jeden Tag Weihnachten! Ich habe eher Mühe mit diesem Business, das rund um das Weihnachtsfest entstanden ist. Weihnachten ist für mich in erster Linie mit Dankbarkeit verbunden. Dass Gott die Möglichkeit geschaffen hat, ihm nahezukommen, begeistert mich. Durch dieses Menschwerden hat er sich uns gezeigt und sinngemäss gesagt: «Ich bin auch verletzlich und schwach, ich mag es auch, wenn man mich gerne hat.» Gott hat uns durch Jesus Beziehung angeboten. Dies ist ein Geschenk, das ich jeden Tag neu für mich in Anspruch nehme.

Wir bezeichnen Jesus in unserer Adventsserie und in den Regional-Zeitungen als «Influencer Nr. 1». Dieser Mensch, der in einem Stall in Bethlehem zur Welt kam, hat die Welt ziemlich auf den Kopf gestellt... Wie schätzen Sie seinen Einfluss heute in der Schweiz ein?
Der materielle Wohlstand steht uns oft im Weg. Durch diesen Wohlstand laufen wir Gefahr, Gott zur Seite zu schieben und die christlichen Werte nicht mehr so hoch zu achten. Manchmal überkommt mich schon eine Traurigkeit und ich frage mich: Jesus, welchen Wert hat es, dass wir noch so kämpfen und sich doch so wenig bewegt? Dennoch erlebe ich auch Menschen, die wied

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er mehr nach dem Sinn ihres Daseins fragen, meistens weil sie mit einer psychischen Not oder einer inneren Leere zu kämpfen haben. Solange es noch Menschen gibt mit einer starken Beziehung zu Gott, werden die christlichen Werte nicht verloren gehen. Die Grosszügigkeit Gottes, dass er diese Rettung allen Menschen anbietet, überwältigt mich immer wieder. Niemand ist ausgeschlossen, jede und jeder kann in Beziehung mit ihm treten. Diese Einladung und die Worte der Bibel gelten jedem einzelnen Menschen ganz persönlich. Aber jeder ist frei in seiner Entscheidung.

Warum ist dieser Jesus für Sie so anziehend?
Weil er so unkonventionell war! Er hat Sachen gemacht, die einfach nicht ins Schema passten – mutig, gehorsam. Das möchte ich auch sein – und bin es ein Stück weit manchmal auch (schmunzelt). Menschen, die christusähnlich sind, leben nicht nach den Normen der Gesellschaft. Ich freue mich über diese Menschen. Stellen Sie sich vor, wir würden zum Beispiel alle die Aussage von Jesus, «den anderen mehr zu achten als sich selbst» wirklich ernst nehmen und umsetzen. Wenn das mehr Menschen machen würden, hätte das ja einen enormen Einfluss.

Und dann ist natürlich revolutionär, welche Identität Jesus Christus gibt! Durch ihn und das, was er am Kreuz für uns getan hat, werden wir für Gott eine echte Perle – nicht nur eine billige Plastikperle. Nur schon mit der Haltung durch die Welt zu gehen:«Ich bin geliebt und eine Perle in Gottes Augen», das hat so viel Kraft. Jeder Mensch will doch etwas Besonderes sein. Das sieht man anhand seines Kleidungsstils und wie er sich bewegt etc. Doch wirklich besonders werden wir, wenn wir uns auf Jesus einlassen. Er lässt mich fröhlich werden.

Welche Spuren möchten Sie mit Ihrem Leben hinterlassen?
Überall, wo ich gehe und stehe – wenn ich in Verbindung mit Gott bin, hinterlasse ich göttliche Spuren. Während einer Velotour nach München musste ich etliche Leute nach dem Weg fragen, weil ich kein GPS dabei hatte. Das war einfach wunderbar, denn so konnte ich diese Person immer segnen. Allein dadurch habe ich Spuren hinterlassen. Ich freue mich darauf, in der Ewigkeit einmal zu sehen, was Gott alles bewirkt hat durch den Weg, den ich gegangen bin.

Sie haben selbst keine Familie gegründet, obwohl das Familienleben in Ihrem Leben so omnipräsent war. Weshalb nicht?
Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht genau. Ich habe wohl zu hohe Ansprüche. Nein, ernsthaft: Im Haus Magdalena habe ich schon Familie gelebt. Einerseits wäre es schön, wenn ich einen Partner hätte, auf der anderen Seite, weiss ich, dass ich dann eingeschränkt wäre. Ich habe auf diese Art das unkompliziertere Leben. Es ist doch so: Du kannst Familie haben und einsam sein – und du kannst keine Familie haben und ausgefüllt sein. Ich denke, eine Familie ersetzt nicht die Beziehung zu Gott. Die Sehnsucht, die der Mensch in sich trägt, kann nur Gott stillen. Wenn ich in einer Partnerschaft Erfüllung suche, dann suche ich am falschen Ort.

Haben Sie damit oft gehadert?
Nein, ich bin grundsätzlich ein Mensch, der sich entscheidet, die Situation so anzunehmen, wie sie ist. Ich habe ein Ja zu dem, wer ich bin und wo ich im Leben stehe. Das ist mein Naturell, meine Stärke. Ich hatte schon als Kind diese Fähigkeit, zu schwierigen Situationen ein Ja zu finden. Gott hat schon einen guten Plan mit mir, dachte ich irgendwie immer. Das sind Reifungsprozesse, die du als alleinstehende Person durchläufst und darin einen Weg findest.

Über das Haus Magdalena

«Als ich die Herztöne des 14 Wochen alten Kindleins hörte, war ich sehr dankbar, dass seine Mami ja zu ihm gesagt hatte.» Das Verlangen, überforderten Schwangeren und alleinstehenden Müttern beizustehen, trieb die Hebamme Ruth Jucker zur Tat. 1995 gründete sie mit einem Ehepaar in Schattdorf UR das Mutter-Kind-Haus Magdalena. Anfänglich bot es für sieben Mütter mit ihren Kindern Platz, dann für fünf Mütter mit maximal zehn Kindern; dazu kamen fünf externe Wohnungen für die Zeit nach dem Aufenthalt im Haus Magdalena, die je nach Bedarf dazu gemietet werden. 2003 erhielt die von der «Stiftung Leben gewinnen» gestützte Wohn- und Arbeitsgemeinschaft die Bewilligung für vier Tagesplätze. Seit 2017 betreibt das Haus Magdalena einen 24-Stunden-Kinderhort mit 20 bewilligten Tagesplätzen und acht bewilligten Nachtplätze. Das Angebot für Mutter und Kind wurde auf drei Einheiten reduziert. Aufgenommen werden Mütter mit ihren Kindern, die körperlich wie seelisch Genesung benötigen. Eine Aufnahme ist von Beginn der Schwangerschaft bis zum 5. Lebensjahr der Kinder möglich. Das christlich orientierte und motivierte Team, das inzwischen von Sarah Niggli geleitet wird, bietet den Frauen und den Kindern Geborgenheit und eine feste Tagesstruktur. Nebst den Tagestarifen ist das Haus Magdalena auch auf Spenden angewiesen.

Hinweis zu den Regionalausgaben «Influencer Nr. 1»:

Im Jahr 2019 erschienen sieben Regionalausgaben der «Influencer Nr. 1»-Zeitung. Hier können Sie diese Ausgaben bestellen oder lesen.

Zur Webseite:
Haus Magdalena

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Datum: 24.12.2019
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Jesus.ch-Print

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