Endlich gefunden

«Du darfst mir 'Vater' sagen»

Ihren Vater kannte sie nie. Bis ihr der heute 79-Jährige eines Tages gegenübersitzt. Ein Cocktail unterdrückter Gefühle überwältigt Hannelore Thommen, 49. Der Blick in Papas Augen schenkt ihr auch eine ganz neue Sicht auf Gott, ihren himmlischen Vater.

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Hannelore Thommen
Hannelore ist gerade mal ein Jahr alt, als ihr Vater von der Bildfläche verschwindet. Sie ist das vierte Kind von Martha, einer Hotel-Köchin in Windhuk, Namibia. Weil diese zu wenig Geld hat, wachsen alle ihre Kinder in fremder Obhut auf. Bei Tanten und Grossmüttern auf einer Farm verbringt Hannelore mit vielen anderen Kindern ihre ersten sieben Lebensjahre. Sie plappert bald in ihrer Muttersprache Afrikaans und liebt es, barfuss draussen rumzutoben. Wer mit wem verwandt ist, interessiert niemanden. «Wir hatten es gut dort», fasst Hannelore die Zeit in Afrika zusammen.

Hannelores Vater, ein deutscher Innendekorateur, wusste immer von seiner Tochter. Doch als Weisser habe er es nie gewagt, sich über den Kinderwagen einer Farbigen zu beugen. Er habe die Strassenseite gewechselt, wenn Martha mit Hannelore unterwegs gewesen sei, wird die Mutter ihrer Tochter später erzählen. Und dann sei er abgereist und ward nie mehr gesehen.

Von Namibia in die Schweiz

Eines Tages kommt ein Schweizer nach Namibia, und Martha wird zum siebten Mal schwanger. Dieser Mann nimmt seine Verantwortung wahr, will mit seiner Braut in die Schweiz ziehen. Hannelore darf mit, weil sie von allen Kindern am Europäischsten aussieht.  In der Schweiz muss sie Deutsch lernen, wird ihrer Herkunft wegen gehänselt. Wenn Mitschüler nach ihrem Vater fragen, sagt sie: «Ich habe keinen». Sie fragt selbst kaum nach, wo der Vater geblieben sei und ob er noch lebe. Sie weiss nur, dass er Deutscher ist. Hannelore hofft, er sei tot. Denn nur ein toter Vater kann nie nach seiner Tochter fragen, ist sie überzeugt.

Aus dem kleinen Mädchen wird eine rebellische Teenagerin, die alle Register zieht und schliesslich ein paar Jahre in einem Heim verbringen muss. Nach der Geburt einer Tochter, heiratet sie mit 24. Im Schwiegervater findet sie zum ersten Mal jemanden, der sie väterlich liebt.

Gott war ganz, ganz weit weg

Mit dem himmlischen Vater hatte Hannelore bisher nichts am Hut. Kurz vor ihrem 40. Geburtstag laden sie Freunde in einen Gottesdienst der Gellertkirche Basel ein. Hannelore ist begeistert, besucht kurz darauf den Alphalive-Glaubenskurs. Auch die Bibel überzeugt sie und weckt in ihr den Wunsch, ihr Leben fortan mit Jesus zu gestalten. Hannelore lebt ihren Glauben in enger Jesus-Beziehung. Er ist ihr Ansprechpartner. Gott, der Vater, ist oben im Himmel ganz, ganz weit weg.

«Du kannst Papa zu mir sagen»

Immer stärker drängen Fragen nach ihrer Herkunft und ihrem leiblichen Vater an die Oberfläche. Hannelore hört vom Personen-Suchdienst der Heilsarmee und meldet ihr Anliegen. Am 5. Februar 2010 schreibt sie dick in ihre Agenda «Papa gefunden». Der Anruf der Heilsarmee verändert Hannelores Leben. Plötzlich wohnt der leibliche Vater in Freiburg im Breisgau, hat Töchter und Enkelkinder. Bei der ersten persönlichen Begegnung mit ihrem heute 79-jährigen Vater taucht unbekannter Schmerz auf: «Warum hat dieser Mann nie nach mir gefragt? Warum durften meine Töchter Grosspapa nicht erleben?» Ein paar Tage später sagt der neue Vater am Telefon: «Du kannst Papa zu mir sagen.» Ganz so einfach geht es aber auch ihm nicht von den Lippen.

Mit beiden «Vätern» versöhnt

Hannelore wohnt heute in der Region Basel – gar nicht so weit von ihrem Vater entfernt. Seit sie ihn wiederfand, stellte sie fest, wie oft das Wort «Vater» in der Bibel vorkommt, oder wie oft der Gott-Vater in Liedern besungen wird. Als ihr irdischer Vater ohne zu Zögern zu ihr sagt: «Ich weiss, du bist meine Tochter», gibt ihr dies Genugtuung für die Schmerzen und alle vaterlosen Zeiten. Die Unvollkommenheit ihres leiblichen Vaters hilft Hannelore die Liebe, Grösse und Güte ihres himmlischen Vaters zu verstehen. Sie beginnt, auch Gott neu vertrauensvoll «Daddy» zu nennen. «Nur mein Vater im Himmel kann alle meine Bedürfnisse ausfüllen», erklärt sie. «Weil ich nicht wusste, wer mein irdischer Vater ist, wusste ich auch nicht, wie Gott-Vater ist.»

Ihrem leiblichen Vater zu vergeben, sei Hannelore nicht schwer gefallen. Wie Honig saugt die dreifache Mutter seine Worte heute auf, wenn er zu ihr sagt: «Hallo, meine Schöne!»

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Datum: 02.05.2012
Autor: Manuela Herzog / bn
Quelle: Jesus.ch

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