Ehe

Chance und Aufgabe

Monica Kunz glaubt, dass in der Ehe eine grosse Chance liegt. Sie erlebt in vielen Gesprächen Menschen, die an der Ehe leiden und aufgeben wollen. Rückzug ist der grösste Feind der Ehe. Davon ist die engagierte Beraterin überzeugt.

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Monika Kunz

Sie sind seit siebzehn Jahren verheiratet, was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

Monica Kunz: (Lacht) Ich denke, wir haben viel Gnade und Segen erlebt. Ich wäre überheblich, wenn ich sagen würde, weil wir Punkt A, B, C, D, und E beherrschen. Eine wichtige Komponente ist der zähe Wille meines Mannes. Als ehemaliger Radqueramateur hat er gelernt noch einmal anzugreifen, wenn er eigentlich keine Kraft mehr dazu hatte. Dadurch ist mein Mann ungeheuer ausdauernd. Er hatte oft Glauben für uns beide, wenn ich aufgeben wollte. Am Anfang zog ich mich bei Auseinandersetzungen jeweils beleidigt zurück. Rückzug ist ein Todfeind für die Ehe. Inzwischen haben wir gelernt miteinander zu reden. Wenn wir immer noch die Gleichen wären, wie bei der Heirat, würde es uns sicher nicht so gut gehen.

Sie sind eher eine Ausnahme. Die Scheidungsrate in der Schweiz steigt ständig. Warum?

Es gibt verschiedene Gründe. Wir erleben einen Wertewandel. Als ich Kind war, schämte man sich geschiedene Eltern zu haben. Heute ist das normal. In der Gesellschaft spricht man eher vom Lebensabschnittpartner als vom Lebenspartner. Ehen werden heute 'vorläufiger' eingegangen als früher. Dazu kommt, dass die Frustrationstoleranz laufend sinkt. In unserer Gesellschaft muss man alles haben und können. Wenn das in einer Beziehung nicht geschieht, war sie ein Irrtum und man sucht sich den nächsten Partner.

Gibt es auch Paare die einfach nicht zusammenpassen?

Es gibt tatsächlich Paare bei denen es "spannender" ist. Spannend im Sinn von Spannung. Ehepaare, deren Beziehung vor lauter Gegensätzlichkeit fast zerreissen. Sie wünschten sich, sie wären etwas ähnlicher. Auf der anderen Seite kenne ich Ehepaare, die sich so ähnlich sind, dass es bereits langweilig wird. Diese wünschten sich mehr Farbe in ihrer Beziehung. Solange wir miteinander reden - und Kommunikation ist in der Ehe das Allerwichtigste - ist aber jede Konstellation möglich.

Ist die klassische Ehe ein Auslaufmodell?

Ja, das sagt man heutzutage. (Überlegt). Ich bin absolut nicht dieser Meinung. Die Ehe ist hohe Schule. Sie ist eine der Ordnungen Gottes. Diese Ordnung dient dem Schutz der Frau, des Mannes und der Kinder. Wenn wir heiraten, legen wir einen Sicherheitsrahmen um unsere Beziehung. Innerhalb dieses Rahmens ist uns Segen versprochen. Gott schützt diese Beziehung, wenn wir ihn bewusst in die Ehe einbeziehen. Dieses Geheimnis ist vielen verloren gegangen. Die Ehe ist als Schutzrahmen gedacht, wird aber oft als Einengung erlebt und 'verkauft'. Das ist ein Missverständnis. Ehe ist leider oft mit übersteigerten Erwartungen befrachtet. Auch die Kleinfamilien-Situation ist eine Überforderung. Früher lebten vielleicht fünf Erwachsene in einer Familie und halfen die Kinder zu erziehen. Heute erledigen das zwei Personen, manchmal nur eine. Wer wäre nicht froh, er hätte die Grosseltern in der Nähe? Dies führt zu einer dauernden Überforderung. Trotzdem werbe ich nach wie vor für die Ehe. Sie ist eine Ordnung Gottes. Damit man den Segen der Ordnungen Gottes erfahren kann, muss man sich mit ihnen auseinandersetzen. Sie sind Geheimnisse, die man entdecken muss.

Wie sieht eine Idealfamilie aus?

Ich sage manchmal: "Familie ist eine Zusammenstellung von Menschen, die eigentlich gar nicht zusammenpassen. " Kinder sind in die Familie hineingestellt, um das Leben zu lernen. Das bedeutet: Sie müssen lernen, Bedürfnisse anzumelden und die Spannung auszuhalten, wenn diese nicht erfüllt werden. Auch Grenzen abstecken und respektieren ist ein wichtiger Lernprozess. Familie ist ein Ort der Geborgenheit. In einer guten Familie hat man gemeinsame Interessen: zum Beispiel eine kleine Hausmusik, ein Boot, ein Ferienhaus oder sonst ein Hobby. Dies macht die Familienidentität aus und gibt den nötigen Kitt. Im Gegensatz zum Arbeitsplatz kann man in der Familie nicht kündigen. Darum muss man das Zusammenleben immer wieder einüben, indem man Kommunikation lernt und Konflikte austrägt, sich entschuldigt und um Vergebung bittet. Familie bedeutet für mich Arbeit und Erziehung. Familie ist 'wahnsinnig' faszinierend, aber auch streng. Die Erziehung meiner Kinder verlangte oft meine ganze Kraft.

Wann sollte ein Ehepaar eine Beratung aufsuchen?

Es gibt verschiedene Stufen von Eheschwierigkeiten. Alltagskonflikte: Ein Paar hat Konflikte. Sie besprechen sich, lösen das Problem und das Leben geht weiter. Beziehungsstörung: Stellt das Paar über Wochen fest, dass sie sich jeweils um die gleichen Themen streiten, sollten sie sich mit einem befreundeten Ehepaar (oder evtl. Therapeuten) darüber unterhalten.
Beziehungserkrankung: Treten über Monate immer wieder am gleichen Ort Verletzungen auf, rate ich dringend zu einer Eheberatung. Beziehungszerstörung: Wird über Jahre die Beziehung zerstört, ist diese kaum mehr zu reparieren. Der Partner kann machen was er will, alles ist falsch. Es ist kein Vertrauen mehr möglich, weil zu tiefe Kerben geschlagen wurden. Lieber zu früh Hilfe holen, als zu spät. Probleme zuzudecken und wegschauen lohnt sich nicht.

Welches sind die häufigsten Problemfelder?

Männer kommen oft erst zur Beratung, wenn es in der Sexualität nicht klappt. Eine schlechte Beziehung wirkt sich in der Sexualität aus. Männer beziehen einen Grossteil ihres Selbstwertgefühles aus der Sexualität. Entsteht dadurch ein Leidensdruck, kommen sie in die Beratung. Sonst bekomme ich folgende Themen immer wieder zu hören: Finanzen, Erziehung, Freizeitgestaltung, Verwandtschaft und Partner, die sich nicht sauber von ihren Eltern gelöst haben.

Gibt es Stabilitätsfaktoren für eine Ehe?

Die Ehe ist wie ein Garten. Wenn sie im Garten nichts tun, wächst nur das Unkraut. Die Ehe muss man pflegen. Ist jemand nicht bereit, in die Ehe zu investieren, unterhöhlt er sie systematisch, bis sie zusammenkracht. In irgend einer Form muss man dauernd an der Beziehung bauen. Wir reservieren uns zum Beispiel immer wieder Zeiten, in denen wir etwas ohne Kinder unternehmen. Wer nicht bereit ist, in die Ehe zu investieren, macht Eheselbstmord.

Wie gehen Sie mit Misserfolgen in der Beratung um?

Mein erster Impuls ist: Ich bin eine schlechte Ehetherapeutin. Ich hintersinne mich, was ich noch hätte tun können, um die Ehe zu retten. Wenn noch Kinder betroffen sind, macht mich dies unendlich traurig. Dieses Ehepaar hat verpasst, den Kindern etwas wichtiges zu lehren, nämlich wie man bei einem Streit wieder zueinander findet, statt wegzulaufen. Ich wünsche mir, dass Ehen erhalten bleiben. Ich versuche sie in die Dimension der Ehe zu führen, die Gott eigentlich für uns Menschen gedacht hat. Nach wie vor bin ich begeistert von der Institution Ehe. Ich selbst bin gerne verheiratet und geniesse unser Zusammensein.
Interview: David Gfeller
Monica Kunz ist ausgebildete Therapeutin BTS (Biblisch-Therapeutische Seelsorge)

Datum: 27.03.2002
Quelle: Bordzeitung - Texte zum Leben

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